Ob am Privatfest oder auf dem politischen Parket, Menschen geraten aneinander. Es wird emotional bei Themen vom Klimawandel, Donald Trump und Gender. Auch online eskalieren Debatten binnen Minuten. In Kommentarspalten gehören böse Anschuldigungen und Beschimpfungen zum Alltagsvokabular. Die Diagnose liegt nahe: Unsere Gesellschaft ist polarisiert. Zumindest fühlt es sich so an.
Eine Frage des guten Tons?
In den Medien und politischen Debatten ist der Begriff der Polarisierung allgegenwärtig. Eine tiefgreifende Aufspaltung der Gesellschaft lasse sich jedoch empirisch gar nicht nachweisen, so der Soziologe Nils. C Kumkar in seinem neuen Buch «Polarisierung». Inhaltlich sind die Meinungen in der Gesellschaft zwar erstaunlich moderat. Trotzdem, so der Soziologe, sei unser Erleben von Polarisierung stärker geworden. Doch warum fühlt sich unsere Gesellschaft gespalten an, obwohl sie es faktisch gar nicht ist?
Wenn wir im Alltag, in der Politik und den Medien meinen, Polarisierung zu sehen, so hält Kumkar fest, dann beobachten wir nicht die tatsächlichen Einstellungen der anderen, sondern vor allem, wie, in welchem Ton, miteinander gesprochen wird. «Früher waren wir doch auch nicht einer Meinung und konnten trotzdem miteinander reden», heute seien Diskussionen emotional viel aufgeladener, so Kumkar.
Eine Bewältigungsstrategie
In erster Linie, so Kumkar, diene die Polarisierung zur Komplexitätsverminderung. Täglich werden wir mit Informationen überflutet: Auf Social Media sehen wir ständig Dinge, mit denen wir früher gar nicht konfrontiert waren. «Menschen diskutieren miteinander über Themen, obwohl sie sich nicht kennen und nichts vom Kontext der anderen Person kennen.»
Von dieser «Kakophonie von Informationen» überwältigt, suchen wir nach Strategien, um Ordnung ins Chaos zu bringen. Dafür brauchen wir die Polarisierung als ein «Ordnungsmuster der Kommunikation», so Kumkar: wir teilen ein in gut und schlecht, negativ und positiv, links und rechts.
Der Clou: Die permanente Rede von der Polarisierung verstärkt dabei die erlebte Polarisierung, so Kumkar. Indem wir sie ständig diagnostizieren, befeuern wir sie auch. Das spielt ungewollt jenen in die Hände, die vom Konflikt leben.
Wer profitiert?
Kumkar sieht hier eine politische Dimension: In Demokratien sind Konflikte vorgesehen, es gibt verschiedene Parteien, rechts und links. Wenn die Öffentlichkeit sich selbst als polarisiert erlebt, kann das paradoxerweise das Gefühl stärken, politisch repräsentiert zu sein: Der Konflikt vom Familienfest findet sich auf der politischen Bühne wieder.
Von diesem Mechanismus, so Kumkar, profitieren besonders rechtspopulistische Kräfte. Sie nisten sich an einem Ende der Polarisierung ein und sprechen angeblich aus, was andere verschweigen – meist ohne konkreten Lösungsansatz. Das hat zur Konsequenz, dass die Polarisierung politisch zur Zerreissprobe hochstilisiert wird. Die einzelnen konkreten Probleme geraten aus dem Blick.
Also abregen und freundlich bleiben? Nicht ganz. In unserer Gesellschaft wird es immer gegensätzliche Positionen geben. Entscheidend ist laut Kumkar ein Perspektivenwechsel: Die Polarisierung an sich ist nicht das Problem, sondern deren Instrumentalisierung.