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Gräuel der Militärdiktatur «Die gestohlenen Kinder»: Argentiniens dunkelste Stunde

Zahlreiche Kinder wurden während Argentiniens Militärdiktatur ihren Liebsten entrissen und in regimetreuen Familien platziert. Ein Dokfilm erzählt ihre Geschichte.

«Ich wusste, dass Leute verschwunden waren. Ich wusste, dass das Militär viele Menschen entführt hatte. Aber ich hatte keine Ahnung, dass sie auch Kinder gestohlen hatten, Babys. Und ich hätte erst recht nie gedacht, dass ich eines dieser Babys sein könnte.» So erzählt María Sol im Film «Die gestohlenen Kinder» im Rückblick auf die argentinische Militärdiktatur.

Verzweifelte Angehörige

Am 24. März 1976 wurde in Argentinien die Demokratie abgeschafft. General Jorge Rafael Videla entmachtete die Präsidentin, löste das Parlament auf und verbot sämtliche Parteien. Die Jagd auf die sogenannten «Subversiven» begann. Zehntausende Menschen, deren Gesinnung den Machthabern nicht genehm war, wurden verhaftet und verschwanden in Lagern oder Geheimgefängnissen.

Zurück blieben die verzweifelten Angehörigen. Sie begannen zu demonstrieren: Die Bilder der Madres y Abuelas der Plaza de Mayo – dem Platz vor dem Präsidentenpalast – gingen alsbald um die Welt. Das Militärregime nahm entführten Frauen auch die neugeborenen Kinder weg. Viele der Mütter wurden kurz nach der Geburt ihrer Kinder ermordet.

Menschen liegen auf dem Boden: Hinter oder über ihnen: Polizisten mit Gewehren.
Legende: Am 24. März 1976 starb in Argentinien die Demokratie – und noch am selben Tag begann die Jagd auf die sogenannten «Subversiven». Journeyman Films

Brian Pearle, der Regisseur des Dokfilms «Die gestohlenen Kinder», sagt, er hätte sich schon immer für Menschenrechte und die kollektive Erinnerung interessiert. Als er dann zum ersten Mal von den gestohlenen Kindern hörte, war er sofort bewegt.

Einige der Kinder wurden von denselben Männern aufgenommen und aufgezogen, die ihre leiblichen Eltern getötet hatten. Eine unvorstellbare Situation, sagt Pearle. «Ihre gesamte Identität basierte auf diesem unvorstellbaren Verbrechen, und sie hatten keine Möglichkeit, jemals ihre wahre Herkunft zu erfahren». Kein Wunder, dass viele die Wahrheit, mit der sie Jahrzehnte später konfrontiert wurden, erstmal ablehnten.

Zwei Offiziere in Militäruniformen auf einem Fahrzeug bei einer Parade.
Legende: General Jorge Rafael Videla (links) – das Gesicht der Militärdiktatur in Argentinien – war Präsident während der brutalsten Phase der Militärregierung bis 1981. Bis zu 30'000 Menschen wurden von 1976 bis 1983 in Argentinien getötet. Journeyman Films

María Sol ging es genauso. Sie wollte erst nicht glauben, dass sie nicht das Kind jener Menschen ist, mit denen sie aufgewachsen war. Denn für sie waren ihre Eltern die «Guten», die gegen die «Subversiven» gekämpft hatten. Nun wurde ihr mitgeteilt, dass sie das Kind von «Subversiven» war.

Kind lächelt in die Kamera mit dunklem Haar und hellem Pullover.
Legende: María Sol in ihren Kindertagen. Ihr «Vater», ein Militär, erzählte ihr, er sei «einer der Guten, die gegen das Böse» kämpfen. Journeyman Films

Aus dem Flugzeug geworfen

«Im August 2011 sagte man mir, man hätte die Überreste meines Vaters gefunden. Ich ging davon aus, dass er auf irgendeinem Friedhof begraben war. Doch dann sagten sie mir, dass sie die Überreste meines Vaters an der Küste in Uruguay gefunden hatten.» Ihr Vater war wie viele andere aus einem Flugzeug über dem Meer abgeworfen worden.

Der Falklandkrieg – Der Anfang vom Ende der Militärdiktatur

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Im April 1982 beging das argentinische Miltiärregime einen grossen Fehler. Es wollte die vor der Küste Argentiniens gelegegen und zu Grossbritannien gehörenden Falklandinseln erobern. Ein paar Tage lang wehte die argentinische Flagge über dem Government House in Stanley, doch dann schickte die britische Regierung ihre Armee in den Südatlantik und eroberte die Inseln zurück. Die Bilanz: Über 900 Tote, tausende Verwundete und ein gedemütigtes Argentinien. Das war der Anfang vom Ende der Militärdiktatur.

Das habe man gemacht, weil die Körper beim Aufprall zerschmettert wurden und oft nicht mehr identifiziert werden konnten, erklärt Isabel Francovich, die argentinische Koproduzentin des Films: «Das Militär war sehr gut darin, Menschen zu entführen, zu foltern, zu vergewaltigen, Kinder zu rauben, deren Identität zu ändern, und Menschen verschwinden zu lassen.»

Immer noch 400 Vermisste

Nach der demokratischen Wende 1983 setzte die neue Regierung unter Raúl Alfonsín eine Kommission ein, die die Verbrechen der Militärjunta untersuchte. Zwei Männer erhielten lebenslänglich, manche ein paar Jahre Gefängnis, einige wurden freigesprochen.

María Sol ist eines von 140 Kindern, das identifiziert und mit Familienmitgliedern, die noch leben, wiedervereinigt werden konnte. Fast 400 werden weiterhin vermisst, ihre Familien suchen noch immer nach ihnen.

Was nach dem Ende der Diktatur geschah

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Nach der Niederlage im Falklandkrieg 1982 war die Militärregierung angezählt. Sie stellte freie Wahlen für 1984 in Aussicht. Doch bereits im Oktober 1983 wurde gewählt. Die neue Regierung unter Raúl Alfonsín liess die Gräueltaten der Diktatur untersuchen und unter dem Titel «nunca más» – nie wieder – publizieren. Im sogenannten Junta-Prozess 1985 wurden mehrere Spitzenmilitärs zu teils hohen Haftstrafen verurteilt. Doch die sogenannten Schlussstrichgesetze verhinderten eine weitere Aufarbeitung. 1989/1990 wurden die Verurteilten von Präsident Carlos Menem begnadigt. Erst unter Präsident Néstor Kirchner gewann die Aufarbeitung erneut politische Kraft: General Jorge Rafael Videla kam 2008 wieder ins Gefängnis und starb dort 2013.

SRF 1, Sternstunde Religion, 15.03.2026, 10:05 Uhr.

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