«Ich wusste, dass Leute verschwunden waren. Ich wusste, dass das Militär viele Menschen entführt hatte. Aber ich hatte keine Ahnung, dass sie auch Kinder gestohlen hatten, Babys. Und ich hätte erst recht nie gedacht, dass ich eines dieser Babys sein könnte.» So erzählt María Sol im Film «Die gestohlenen Kinder» im Rückblick auf die argentinische Militärdiktatur.
Verzweifelte Angehörige
Am 24. März 1976 wurde in Argentinien die Demokratie abgeschafft. General Jorge Rafael Videla entmachtete die Präsidentin, löste das Parlament auf und verbot sämtliche Parteien. Die Jagd auf die sogenannten «Subversiven» begann. Zehntausende Menschen, deren Gesinnung den Machthabern nicht genehm war, wurden verhaftet und verschwanden in Lagern oder Geheimgefängnissen.
Zurück blieben die verzweifelten Angehörigen. Sie begannen zu demonstrieren: Die Bilder der Madres y Abuelas der Plaza de Mayo – dem Platz vor dem Präsidentenpalast – gingen alsbald um die Welt. Das Militärregime nahm entführten Frauen auch die neugeborenen Kinder weg. Viele der Mütter wurden kurz nach der Geburt ihrer Kinder ermordet.
Brian Pearle, der Regisseur des Dokfilms «Die gestohlenen Kinder», sagt, er hätte sich schon immer für Menschenrechte und die kollektive Erinnerung interessiert. Als er dann zum ersten Mal von den gestohlenen Kindern hörte, war er sofort bewegt.
Einige der Kinder wurden von denselben Männern aufgenommen und aufgezogen, die ihre leiblichen Eltern getötet hatten. Eine unvorstellbare Situation, sagt Pearle. «Ihre gesamte Identität basierte auf diesem unvorstellbaren Verbrechen, und sie hatten keine Möglichkeit, jemals ihre wahre Herkunft zu erfahren». Kein Wunder, dass viele die Wahrheit, mit der sie Jahrzehnte später konfrontiert wurden, erstmal ablehnten.
María Sol ging es genauso. Sie wollte erst nicht glauben, dass sie nicht das Kind jener Menschen ist, mit denen sie aufgewachsen war. Denn für sie waren ihre Eltern die «Guten», die gegen die «Subversiven» gekämpft hatten. Nun wurde ihr mitgeteilt, dass sie das Kind von «Subversiven» war.
Aus dem Flugzeug geworfen
«Im August 2011 sagte man mir, man hätte die Überreste meines Vaters gefunden. Ich ging davon aus, dass er auf irgendeinem Friedhof begraben war. Doch dann sagten sie mir, dass sie die Überreste meines Vaters an der Küste in Uruguay gefunden hatten.» Ihr Vater war wie viele andere aus einem Flugzeug über dem Meer abgeworfen worden.
Das habe man gemacht, weil die Körper beim Aufprall zerschmettert wurden und oft nicht mehr identifiziert werden konnten, erklärt Isabel Francovich, die argentinische Koproduzentin des Films: «Das Militär war sehr gut darin, Menschen zu entführen, zu foltern, zu vergewaltigen, Kinder zu rauben, deren Identität zu ändern, und Menschen verschwinden zu lassen.»
Immer noch 400 Vermisste
Nach der demokratischen Wende 1983 setzte die neue Regierung unter Raúl Alfonsín eine Kommission ein, die die Verbrechen der Militärjunta untersuchte. Zwei Männer erhielten lebenslänglich, manche ein paar Jahre Gefängnis, einige wurden freigesprochen.
María Sol ist eines von 140 Kindern, das identifiziert und mit Familienmitgliedern, die noch leben, wiedervereinigt werden konnte. Fast 400 werden weiterhin vermisst, ihre Familien suchen noch immer nach ihnen.