Jedes Jahr entstehen in der Schweiz mehr neue Firmen als im Vorjahr. Eine der Gründerinnen ist die junge Unternehmerin Melanie Niklaus. Die 23-Jährige hat vor rund drei Jahren eine eigene Bäckerei in Kerzers FR eröffnet: «Man setzt alles auf eine Karte», sagt sie.
Melanie Niklaus’ Arbeitstag beginnt kurz nach Mitternacht und dauert lang: «Ich bin bis Mittag in der Backstube», sagt sie. Dann geht sie schlafen, anschliessend zu ihrem Pferd: «Nach 18 Uhr komme ich nochmal in die Backstube für den Abschluss.»
Andere gehen in den Ausgang. Dann gehe ich halt arbeiten.
Das macht Melanie Niklaus sechs Tage die Woche. Und am Montag, wenn die Bäckerei geschlossen ist, steht Büroarbeit an. Freundinnen oder eine Beziehung haben da kaum Platz: «Andere gehen zum Beispiel in den Ausgang, das sagt mir nicht so viel. Dann gehe ich halt arbeiten.»
Finanzieller Druck und Stress
Als Niklaus die Bäckerei übernahm, war sie gerade 20 Jahre alt und hatte erst wenige Monate zuvor ihre Ausbildung abgeschlossen. Sie sagt, ihre wichtigste Motivation sei die Selbstbestimmung: «Ich möchte kreativ sein, selbst entscheiden und machen, was mir gefällt.» Doch es lastet auch viel Druck auf ihr.
So hängt etwa das Einkommen von 13 Angestellten an ihr: «Ich kann ja schlecht sagen: ‹Diesen Monat gibt es keinen Lohn›», sagt Melanie Niklaus. Das löse Stress aus. Sie habe auch schon Angst gehabt: «Man weiss ja nicht, wie es herauskommt.» Damit ist sie nicht alleine.
Selbständig kurz vor dem Lockdown
«Existenzangst gehört dazu», sagt auch der 32-jährige Qendrim Gashi. Er weiss, wovon er spricht: Anfang 2020 machte er sich in Wolhusen LU als Architekt selbstständig, nur zwei Monate vor dem ersten Corona-Lockdown: «Ich hatte einen ersten Auftrag, dann wusste ich nicht, wie es weitergeht.»
Zuvor hatte er mit 26 bei seinem Arbeitgeber gekündigt: «Ich dachte, meine Entwicklung stagniert als Angestellter.» Zurückzugehen war für ihn keine Option. «Wenn ich nach drei Monaten wieder beim alten Chef antraben muss, was denken dann die Leute?», habe er sich gefragt. «Das setzt einen unter Druck.» Und dann sei auch noch der Lockdown verkündet worden: «Ich hatte Angst in diesem Moment.»
So viele Firmengründungen wie nie
«Selbstständigkeit ist etwas höchst Unsicheres», sagt auch Michele Blasucci. Mit seiner Firma hilft der Unternehmensberater Menschen, die sich selbstständig machen wollen. Er sagt, ein Viertel seiner Klientinnen und Klienten sei unter 30 Jahre alt – Tendenz steigend: «Wir sehen, dass sich immer mehr Junge selbstständig machen.» Dieser Trend zeigt sich auch bei Firmengründungen allgemein.
Und das trotz einer Weltlage, die zunehmend instabil scheint. Nach der Pandemie gab es Krieg in der Ukraine, in Gaza und im Iran. In der Schweiz steigen Mieten und Gesundheitskosten.
Die wirtschaftliche Unsicherheit nimmt zu, das zeigen auch die Prognosen der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. So schrieb sie jüngst etwa von «trüben Aussichten» für die Schweizer Wirtschaft, die im Schatten globaler Machtpolitik stehe. Das zum Beispiel wegen der US-Zollpolitik oder dem Krieg im Iran.
Heute gibt es mehr Risiken bei einer Firmengründung.
Was das konkret für junge Schweizer Selbstständige bedeuten kann, weiss Michele Blasucci. Erstens könnten sich Rohstoff- und Transportkosten kurzfristig ändern. So etwa, wenn ein wichtiger Seeweg wie die Strasse von Hormus blockiert ist. Zudem: «Banken und Investoren sind zurückhaltender geworden.» Diese stellen oft das Startkapital oder Kredite für neue Firmen.
Und schliesslich ist auch bei den Kundinnen und Kunden weniger Geld im Portemonnaie – zum Beispiel wegen steigender Gesundheitskosten oder Mieten: «Konsumenten sind vorsichtiger und kaufen weniger», sagt Blasucci. Zusammengefasst: «Heute gibt es mehr Risiken bei einer Firmengründung.»
Bäckerin spürt steigende Getreidepreise
Auch Melanie Niklaus spürt die unsichere Weltlage, zum Beispiel bei steigenden Rohstoffpreisen: «Sei das Getreide oder Schokolade – die Kosten steigen fast jährlich.» Darum habe sie auch die Preise für ihre Kundinnen und Kunden erhöhen müssen.
Sie versucht, sich mit Eigenkreationen vom günstigen Brot der Grossverteiler abzuheben. So hat sie je nach Saison etwa ein Kürbis- oder Bärlauchbrot im Sortiment. Melanie sieht ihr Geschäft als krisensicher an: «Essen müssen die Leute ja immer.»
Melanie ist zufrieden, wie es jetzt läuft. Grosse Wachstumspläne hat sie nicht, sie möchte «regional und familiär» bleiben. Und trotzdem: Unsichere Monate gibt es auch heute noch.
«Krise kann auch Chance sein»
Für Qendrim Gashi wendet sich die Geschichte trotz Lockdown zum Guten: «Die Leute waren ständig zu Hause und konnten nicht in die Ferien», erzählt er. «Dann haben sie wohl begonnen, ihre Häuser zu analysieren.» Viele hätten das Bedürfnis gehabt, etwas auszubessern oder umzubauen. So hatte Gashi im Lockdown schlussendlich mehr als genug zu tun.
Wirtschaftlich schwere Zeiten könnten auch gute Seiten haben, sagt Michele Blasucci: «Eine Krise ist auch ein Nährboden für Neues, und das kann gerade für Junge auch eine Chance sein.» Der aktuelle Gründungsboom überrascht ihn nicht: «Wir haben gesehen, dass in Krisenzeiten mit hoher Arbeitslosigkeit mehr Firmen gegründet wurden als in Hochkonjunktur.»
Er sagt: «Wenn die Wirtschaft sowieso gut läuft, kriegt man auch als Angestellter Lohnerhöhungen und kann aufsteigen.» In der Krise merkten mehr Menschen, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen. Vielleicht gründet man also nicht trotz, sondern gerade wegen unsicherer Zeiten eine eigene Firma.
Viel mehr Selbstbestimmung
Und trotz Druck, Unsicherheit und langer Arbeitstage: Selbstständigkeit hat auch positive Seiten, etwa eine flexiblere Zeiteinteilung und viel mehr Selbstbestimmung. Die Vorteile zeigen sich, als Qendrim Gashi bei seinem aktuellen Bauprojekt vorbeischaut.
Zu sehen, wie die eigene Idee Gestalt annimmt, sei sehr schön: «Dafür lebt man als Architekt», sagt er. Und: «Wieder angestellt in einem Büro zu arbeiten, kann ich mir nur schwer vorstellen.»