Im Spagat zwischen Nostalgie und Innovation: Zirkus im Wandel

Der Zirkus entführt uns in das nostalgische Wunderland, das wir seit unserer Kindheit kennen. Ab er erneuert sich auch regelmässig. Denn um zu überleben, muss der Zirkus mit der Zeit gehen – ohne dabei seine Tradition zu vernachlässigen. Das ist kein einfaches Unterfangen.

Eine Frau im Spagat. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die «China National Acrobatic Troupe» bei der Generalprobe des Circus Knie in Rapperswil. Keystone

  • Die Blütezeit des Zirkus war Ende des 19. Jahrhunderts. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Zirkus jedoch mit der Überfülle an Unterhaltungsangeboten zu kämpfen.
  • Der zeitgenössische Zirkus, der im Zuge der 68er-Jahre-Bewegung entstand, versucht, den Zirkus zu erneuern. Er erzählt Geschichten und findet auch ausserhalb des Zirkuszeltes statt.
  • Innovation und Tradition: Diese Mischung ist für den Zirkus der Zukunft wegweisend.

28 Pferde und acht Ponys gleichzeitig in der Manege. Sie laufen beeindruckende Formationen. Die Rossnummer von Geraldine Knie ist bis heute ein Renner beim Publikum. «Der Circus Knie macht mit dieser Nummer genau das, was der Zirkus seit seinen Anfängen Mitte des 18. Jahrhunderts ist. Eine Pferdeshow», sagt die Berliner Kulturwissenschaftlerin und Zirkus-Expertin Sylke Kirschnick. Diese berühmte Rossnummer tradiert den alten Zirkus, ist lebendiges Kulturerbe geworden.

Aber nur auf das Alte vertrauen: Das reicht nicht, um ein Publikum zu überzeugen. Sylke Kirschnick findet: «Der Zirkus musste sich immer an aktuelle Trends anpassen.» Indigene Völker als menschliche Exoten vorzuführen wäre heute undenkbar. Zirkusse wie der Monti verzichten seit 2011 gänzlich auf Tiere. Das artistische Clownsduo Mustache-Brothers schlägt im Circus Nock seine Saltos zu aktueller Popmusik von Pharrell Williams bis Psy und die Artisten des deutschen Zirkus Flic Flac fliegen auf Motorrädern durch einen runden Gitterkäfig.

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«Hörpunkt» zum Zirkus

«Manege frei – Zirkus zwischen Wunderland, Wirklichkeit und Vision»: Radio SRF 2 Kultur widmet dem Zirkus mehrere Stunden – im «Hörpunkt» vom 2. Juli 2016. Von 09.00 bis 15.00 Uhr live. Ab 17.00 wird die ganze Sendung wiederholt. Danach kann man sie online nachhören.

Die Blütezeit ist vorbei

Zirkusse sind heute nicht mehr das, was sie mal waren: «Ende des 19. Jahrhunderts war die Blütezeit des Zirkus. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts geht es bergab, denn seit dem konkurrenzieren eine Unmenge von Medien und Freizeitangeboten mit dem Zirkus um das Publikum.» Die Zirkusse selbst sprechen nicht von einer Krise. Und konkrete Zahlen dringen sowieso nicht nach aussen: Zirkusehre. Ja, die Standplätze und Reisekosten seien teurer geworden. Aber: The show must go on. Der Zirkus habe bis heute nichts an seiner Faszination verloren – tönt es von Nock bis Royale.

Doch wovon lebt diese Faszination? Es ist nicht nur die Schaulust, die der Zirkus befriedigt, sondern auch das ganze Drumherum: Der Zirkus ist ein multisinnliches Wunderland, in das wir in dem Moment eintauchen, in dem wir das Zelt betreten, das Popcorn riechen, der Mann im roten Samtjackett mit den goldenen Kordeln unser Ticket abreisst. Vielleicht sind es diese Konstanten, die uns faszinieren, die Bilder unserer Kindheit: die runde Manege, virtuose Artisten in Glitzerkostümen, eine Zirkuskapelle, nicht zu vergessen der Clown mit roter Nase. Wir wollen Spektakel innerhalb überschaubarer Strukturen.

Zeitgenössischer Zirkus: Alles aus einem Guss

«Zirkus funktioniert auch ausserhalb dieser fixen Strukturen», findet Sean Gandini von der britischen Jonglage-Kompanie Gandini Juggling. «Der Zirkus hat lange versäumt, auf Dramaturgie zu achten und die Vorstellung als Ganzes zu denken.» Gandini hat die dramaturgischen Techniken aus dem Tanz importiert und am Festival des zeitgenössischen Zirkus Cirqu’5 in Aarau eine abendfüllende Produktion entworfen, in der vier Jongleurinnen und Jongleure auf vier Balletttänzerinnen und Balletttänzer treffen.

Artisten jonglieren auf der Bühne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zu flink für die Kamera: Gandini Juggling und ihr Programm «4x4 Emphemeral Architectures». Gandini Juggling

Zu sehen ist «4x4 Emphemeral Architectures» nicht im Zirkuszelt, sondern in der alten Reithalle Aarau. Nicht Familien schauen zu, sondern ein erwachsenes Kulturpublikum. Und die Musik kommt nicht von der Zirkuskapelle, sondern von neun Musikern der Argovia Philharmonic. Trotzdem ist das hier irgendwie Zirkus: die technisch perfekte Jonglage. Der spielerischer Witz. Das Bekenntnis zur Poesie.

Die Jongleur-Ballettkombo Gandini Juggling erneuert den Zirkus, indem sie ihn mit Tanz verbindet und in neue Räume bringt. Typisch für den zeitgenössischen Zirkus sei das, sagt der französische Soziologe Jean-Michel Guy, der zum zeitgenössischen Zirkus forscht und ihn an Zirkusschulen unterrichtet: «Wir haben es hier mit einem eigenständigen, konzeptuell durchdachten Kunstwerk zu tun – über Tanz und Jonglage wird eine Geschichte erzählt oder ein Thema verhandelt.»

Ursprung in Frankreich

Entstanden ist der zeitgenössische Zirkus in Frankreich, im Geiste der 68er- Bewegung. «Damals ging es noch darum, sich vom traditionellen Zirkus abzugrenzen, von der Routine in der Manege, der sexuellen Darstellung des Körpers, von der Tierdressur», sagt Jean-Michel Guy. Heute aber ist die Zeit der Abgrenzung vorbei – traditioneller und zeitgenössischer Zirkus respektieren sich.

Diesen Respekt spürt man am Festival Cirqu'5. Etwa in der Produktion «Un cirque tout juste» des finnischen Artisten und Zauberers Jani Nuutinnen. Zeitgenössischer Zirkus findet oft in Theatern oder Kleinkunsträumen statt. Für Nuutinnen ist das nichts, «diese Räume sind mir zu unpersönlich und neutral» sagt er. Der Finne will den Zirkus auf seine Grundelemente destillieren und bittet das Publikum in sein selbstgebautes, charmantes Zirkuszelt. Obwohl er sich als Erneuer versteht, greift er doch am Ende auf das zurück, was wir mit Zirkus verbinden. Zurück zu den Wurzeln also. Innovation und Konstanz – das passiert im Zirkus gleichzeitig.

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