Hussein und seine Gefolgsleute stehen auf dem Schlachtfeld von Kerbala. Sie sind sicher: Gott ist auf ihrer Seite, Hussein ist der gottgewollte Nachfolger von Prophet und Religionsstifter Mohammed. Doch Hussein und seine Leute werden geschlagen. Die Gegenseite gewinnt – und festigt ihren Herrschaftsanspruch.
Die Schlacht von Kerbala ist tief verwurzelt im Selbstverständnis der Schiiten. Sie markiert den Schlusspunkt der Trennung von Sunniten und Schiiten im 7. Jahrhundert nach Christus. Wurzel des Konflikts war die Frage, wer der Nachfolger von Mohammed sein soll: sein Cousin und Schwiegersohn Ali ibn Abi Talib oder sein loyalster Gefährte Abu Bakr. Aus diesen beiden Fraktionen gingen Schiiten (schi'at Ali – die Partei Alis) und die Sunniten hervor.
Gutes Tun und die Mitmenschen lieben – als Gebote
Rund 150 bis 200 Millionen Schiitinnen und Schiiten gibt es. Sie machen 10 bis 15 Prozent der muslimischen Bevölkerung weltweit aus. Mit den Sunniten, der grössten Strömung des Islams, teilen sie die fünf Säulen: das Glaubensbekenntnis, das tägliche Gebet, die Almosensteuer, das Fasten und die Pilgerfahrt nach Mekka. Die Schiitinnen und Schiiten kennen zusätzlich fünf weitere «Hilfssäulen»: eine weitere Steuer, das Gebot, Gutes zu tun und schlechte Taten zu vermeiden, das Gebot, diejenigen zu lieben, die sich korrekt verhalten und sich von denen abzugrenzen, die dies nicht tun.
Ihre Gesetze leiten Schiitinnen und Schiiten nicht nur aus dem Koran und dem Leben von Mohammed ab. Sie beziehen sich auch auf die Imame, die in ihren Augen rechtmässige Nachfolger Mohammeds sind. Sie gelten als unfehlbar und ohne Sünde und werden in Schreinen verehrt. Die meisten dieser Schreine liegen im Iran und Irak – und sind beliebte Pilgerziele von Schiitinnen und Schiiten.
Märtyrerkult
Die meisten dieser Imame starben den Märtyrertod, der Märtyrerkult ist ein wichtiger Bestandteil der Schia, der Strömung, der die Schiiten angehören. Den getöteten Imamen, besonders Hussein, wird im Trauermonat Muharram gedacht. In Theateraufführungen wird die Schlacht von Kerbala nacherzählt. An Trauerzeremonien versammeln sich die Menschen, schlagen sich auf die Brust oder geisseln sich.
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Bild 1 von 3. Kerbala, Irak: Im Jahr 2023 machten sich 20 Millionen Pilger, hauptsächlich aus dem Iran, aber auch aus Afghanistan und Pakistan, auf den Weg in diese heilige Stadt, die zwei Stunden südlich von Bagdad liegt. Bildquelle: IMAGO/Le Pictorium.
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Bild 2 von 3. Viele Menschen versuchen, das Grab von Imam Hussein zu berühren. Bildquelle: IMAGO/Le Pictorium.
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Bild 3 von 3. Jedes Jahr reisen hier Millionen Schiiten an, um gemeinsam zu trauern. Bildquelle: IMAGO/Le Pictorium.
Wieviele rechtmässige Imame es in der Geschichte gab, ist unter Schiitinnen und Schiiten umstritten. Die grösste Fraktion ist die Zwölfer Schia (zwölf rechtmässige Imam), die zweitgrösste die Siebener oder Ismailiten. Einig sind sich beide Strömungen, dass der letzte Imam nicht gestorben, sondern «entrückt» sei. Er soll im Verborgenen weiterleben und als «mahdi», Rechtschaffender, auf die Erde zurückkehren und für Gerechtigkeit sorgen.
Politischer Schiismus
Wegen ihrer Rolle als «Underdogs» in der muslimischen Welt galt in der schiitischen Elite lange: Geistliche halten sich aus der Politik raus. Das änderte sich erst durch die iranische Revolution 1979. Ajatollah Ruhollah Chomeini propagierte neu, dass führende Rechtsgelehrte die Gläubigen nicht nur religiös, sondern auch politisch anführen sollten, um den Weg zu bereiten für die Rückkehr des «mahdi».
Dies führte wiederum zu vermehrten Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten, was sich auch im jetzigen Krieg abbildet – mit dem Iran und der schiitischen Miliz Hizbollah auf der einen und den mehrheitlich sunnitischen Golfstaaten auf der anderen Seite.