Der Iran wehrt sich militärisch gegen die Bombardierungen durch die USA und Israel, indem er diverse Golfstaaten wie die Emirate, Bahrain und Katar sowie Israels Nachbarland Jordanien mit Raketen und Drohnen angreift. Was das bedeutet, schätzt der Orientalist Andreas Reinicke ein.
SRF News: Was bezweckt der Iran mit den Angriffen auf seine Nachbarn?
Andreas Reinicke: Der Iran glaubt – indem er Druck auf die Nachbarstaaten ausübt –, dass diese die USA und Israel von weiteren Angriffen abhalten könnten. Das funktioniert natürlich nicht. Doch indem die Nachbarstaaten in Mitleidenschaft gezogen werden, will der Iran immerhin den Preis für die US- und israelischen Angriffe auf das Land in die Höhe treiben.
Die Golfstaaten könnten den USA ihre Militärbasen zur Nutzung für Angriffe gegen den Iran zur Verfügung stellen.
Die Golfstaaten betonen ihr Recht auf Selbstverteidigung, auch Gegenschläge seien möglich, sagen sie. Was ist da zu erwarten?
Zunächst zeigen diese Reaktionen, dass das Kalkül der Iraner offensichtlich nicht aufgeht. Was die Ankündigung der Selbstverteidigung konkret bedeutet, weiss man nicht. Es könnte sein, dass die Golfstaaten den USA bald die Nutzung ihres Luftraumes gestatten, was in der Anfangsphase nicht der Fall war. Auch könnten sie den USA bald ihre Militärbasen zur Nutzung für Angriffe gegen den Iran zur Verfügung stellen.
Wie fest stehen die Golfstaaten an der Seite der USA?
Man ist hin- und hergerissen. Einerseits gibt es dieses Risiko von Angriffen durch den Iran. Andererseits wären die Golfstaaten wahrscheinlich nicht so wohlhabend, wenn nicht der Iran seit Jahrzehnten in solchen Schwierigkeiten wäre. Viele Geschäfte sind in den letzten Jahrzehnten über die Golfstaaten abgewickelt worden. Das soll aus ihrer Sicht auch so bleiben. Deshalb werden sie sicherlich an der Seite Israels und vor allen Dingen der Amerikaner bleiben.
Man hofft in Irans Nachbarländern auf einen Sieg der iranischen Bevölkerung.
Doch wenn der Krieg länger dauert, könnte es auch zu inneren Unruhen kommen – zunächst möglicherweise im Irak. Auch könnten sich die Schiiten in Bahrain oder in Saudi-Arabien erheben. Das alles ist derzeit völlig unsicher. Sicher ist: Man hofft auf ein schnelles Ende des Krieges – und einen Sieg der Amerikaner und der Israelis – oder genauer gesagt: Man hofft auf einen Sieg der iranischen Bevölkerung.
Ist ein möglicher «Regime Change» im Iran auch im Interesse der Golfstaaten?
Ja, das kann man durchaus sagen. Dabei sind die Golfstaaten wohl so flexibel, dass sie mit dem Iran weiter zusammenarbeiten können, egal wer dort an der Macht ist. Möglicherweise wird nach einem Regime-Change im Iran eine neue, viel stärkere Konkurrenz für die Golfstaaten entstehen. Doch im Gegenzug gäbe es wohl eine bessere Kalkulierbarkeit in den bilateralen Beziehungen, was ja bislang auch immer ein Problem war.
Israel und die USA werden ihre Angriffe wohl so lange fortsetzen müssen, bis das iranische Regime entscheidend geschwächt ist.
Wie gefährlich ist dieser Krieg für die Stabilität im Nahen Osten?
Sicher ist: Je schneller er zu Ende geht, desto besser. Doch sollten die Angriffe Israels und der USA nicht zu einem Regime-Change im Iran führen, würde im Nahen Osten die Autorität der beiden Länder enorm leiden. Deswegen werden Israel und die USA ihre Angriffe wohl so lange fortsetzen müssen, bis das iranische Regime entscheidend geschwächt ist. Wenn es dann zu neuen Strassenprotesten im Iran kommen sollte, wird man sehen, ob die bewaffneten Unterstützer des Regimes immer noch auf die Massen schiessen werden – oder ob sie dann sozusagen die Seite wechseln. Das alles ist Spekulation. Man muss jetzt abwarten, wie es in den nächsten Wochen weitergeht.
Das Gespräch führte Dominik Rolli.