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Die Auswirkungen der Corona-Massnahmen auf Kinder mit psychischen Problemen
Aus Kultur-Aktualität vom 30.09.2020.
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Jugendliche und Corona Psychiaterin: «Für viele war der Lockdown eine Schonzeit»

Was haben die Corona-Massnahmen bei Kindern mit psychischen Problemen ausgelöst? Wen hat der Lockdown am meisten belastet? Dazu gibt es in der Schweiz nun Antworten.

Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich hat 270 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren und 500 Eltern anonym befragt. Das Team um die Kinder- und Jugendpsychiaterin Susanne Walitza wollte wissen, wie sich die Symptome der Jugendlichen vor, während und nach dem Shutdown verändert haben.

Susanne Walitza

Susanne Walitza

Direktorin Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

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Susanne Walitza ist seit 2008 Lehrstuhlinhaberin und Ärztliche Direktorin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich. Zuvor forschte und lehrte die Kinder- und Jugendpsychiaterin und Psychologin an der Universitätsklinik Würzburg und erhielt unter anderem den Hermann-Emminghaus-Preis für ihre Arbeiten zu Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter.

SRF: Frau Walitza, welche Jugendlichen hatten mit dem Lockdown am meisten zu kämpfen?

Susanne Walitza: In unseren Untersuchungen waren das vor allem die Jugendlichen mit Depressionen.

Wie erklären Sie sich das?

Diese Jugendlichen haben auch vor Corona schon viel gegrübelt, waren traurig und haben sich eher zurückgezogen. Die auferlegten Beschränkungen im Lockdown sorgten dann für eine noch stärkere Belastung. Ausserdem gab es auch weniger Möglichkeiten für sozialen Kontakt, was ihre Symptomatik zusätzlich verstärkt hat.

Wir hatten tatsächlich auch weniger Patienten bei uns im Notfall.

Gab es auch Jugendliche, denen der Lockdown gutgetan hat?

Ja. Uns ist da besonders die Gruppe der ängstlichen Patientinnen und Patienten aufgefallen. Sie haben mehr Verbesserungen als gleichbleibende Symptome geschildert. Wir denken, dass es sie entlastet hat, dem Stress in der Schule nicht mehr so ausgesetzt zu sein. Auch die sozialen Begegnungen, die bei ihnen oft angstbesetzt sind, haben sich durch den Lockdown ja erübrigt. Für sie war das Ganze also eine Art Schonzeit.

Obwohl viele Experten im Frühling noch vor den psychischen Auswirkungen des Lockdowns auf Kinder gewarnt hatten, geht es der Hälfte der Befragten besser. Warum?

Ein Grund ist sicher die Klarheit, mit der in dieser Zeit kommuniziert wurde. Es gab Regeln, die aufgezeigt haben, was zu tun oder zu lassen ist. Auch das Homeschooling hat für Struktur gesorgt.

Ausserdem haben die Jugendlichen und ihre Familien viel gegenseitige Unterstützung erlebt. Wir hatten auch weniger Patienten bei uns im Notfall.

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Das heisst aber nicht, dass die voraussichtlich noch lange anhaltenden Massnahmen nicht doch noch negative Auswirkungen haben werden. Vor allem die Unsicherheit, die jetzt besteht und die widersprüchlichen Mitteilungen, denen wir ausgesetzt sind, haben dazu geführt, dass die positiven Faktoren, die wir im Lockdown bei den Jugendlichen bemerkt haben, sich wieder stark relativiert haben.

Wir brauchen wieder klare Strukturen. Denn die haben uns schon mal geholfen.

Wie äussert sich das konkret?

Wie erwähnt, gab es während des Lockdowns und in den Sommerferien weniger Notfälle bei uns in der Klinik. Als die Stressoren nach den Sommerferien wieder begonnen haben – und damit auch der soziale Druck in der Klasse zurechtzukommen angestiegen ist – hat sich auch die Zahl der Notfälle stark erhöht.

Schauen Sie trotzdem optimistisch in die Zukunft?

Positiv ist, dass wir aus den letzten Monaten sehr viel gelernt haben. Wir konnten etwa Faktoren ausfindig machen, die die Psyche von Jugendlichen schützen können. Dass viele Familien während des Lockdowns mehr Zeit zusammen verbracht haben, wirkt sich zum Beispiel sehr viel positiver aus, als wir vermutet hatten.

Insgesamt bin ich aber eher pessimistisch. Das Ende der Pandemie ist ja noch lange nicht in Sicht. Die Aufgabe ist nun also zu schauen, wie man den Weg bis dahin klarer gestalten kann. Denn Strukturen haben ja, wie wir gesehen haben, schon einmal geholfen.

Das Gespräch führte Valérie Wacker.

SRF2 Kultur, Kultur Aktualität, 30.09.2020, 08:06 Uhr.;

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Sibylle Corrodi  (SC)
    Eine Gymnasiallehrerin berichtete kürzlich, dass Suizidgedanken und Depressionen bei ihren SchülerInnen drastisch zunehmen. In erster Linie aber nicht wegen den Massnahmen oder dem Virus - die jungen Leute haben massive Zukunftsängste!
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  • Kommentar von Nico Stäger  (Nico Stäger)
    "Als die Stressoren nach den Sommerferien wieder begonnen haben – und damit auch der soziale Druck in der Klasse zurechtzukommen angestiegen ist – hat sich auch die Zahl der Notfälle stark erhöht." Also ist die "Erholung" durch die Lockdown-Schonzeit bei den wenigen Einen wieder erschöpft und das Spiel geht noch krasser in die nächste Runde. Zudem kenne ich aus erster Hand andere Beispiele von Jugendaufnahmeeinrichtungen, welche im April überrannt worden sind, z.B. Selbsteinweisungen in Seon.
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  • Kommentar von Jürg Sand  (Jürg Sand)
    Ja, was machen wir jetzt mit diesen harten Fakten, Lockdowns für spezielle Personengruppen oder für alle in ärztlich definierten Abständen? Die Psychiatrie ist jedenfalls der Ansicht, dass diese psychedelische Pandemie noch lange andauert, da müssen Antworten her, das erlaubt keinen Aufschub!
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