Aktuell gibt es als Einzelne keine Pflicht, etwas gegen den Klimawandel zu tun – das meint die Rechtsphilosophin Frauke Rostalski. Warum erklärt sie im Interview.
SRF: 2024 war das wärmste Jahr seit Messbeginn – und trotzdem sagen Sie, wir seien individuell nicht zum Klimaschutz verpflichtet. Wie passt das zusammen?
Frauke Rostalski: Ich verharmlose die Klimakrise nicht, im Gegenteil, ich halte sie für katastrophal. Die Frage ist nur, wer im Moment tatsächlich in der Verantwortung steht.
Klimaschutz kann nur auf einer global koordinierten Ebene funktionieren, nicht durch isolierte Einzelhandlungen.
Aus meiner Sicht sind das derzeit nicht die Einzelnen, sondern die politischen Entscheidungsträger und Staaten, die effektiv Rahmenbedingungen setzen können. Klimaschutz kann nur auf einer global koordinierten Ebene funktionieren, nicht durch isolierte Einzelhandlungen.
Das heisst, ich kann ohne Flugscham in die Ferien?
Grundsätzlich finde ich es in Ordnung, wenn Menschen keine Flugscham empfinden. Spannend ist doch eher die Gegenfrage: Mit welcher Berechtigung verlangen wir von Individuen, nicht zu fliegen, bestimmte Produkte zu konsumieren oder sich eine Wärmepumpe einbauen zu lassen? Aus juristischer Sicht muss das Kollektiv – also etwa der Staat – begründen, warum es dem Einzelnen Pflichten auferlegt. Die Begründungslast liegt nicht beim Individuum, das sich für seinen Lebensstil rechtfertigen muss.
Bei individuellen Klimahandlungen scheitert es schon an der Eignung, weil es kein globales Gesamtkonzept gibt, in das sich diese Einzelmassnahmen sinnvoll einfügen.
Aber es gibt Handlungen, auf die man ohne grosse Einschränkungen verzichten kann – wie extremen Fleischkonsum. Haben wir da wirklich keine Pflicht?
Man muss unterscheiden: Beim Fleischkonsum etwa gibt es sehr gute Gründe, ihn zu begrenzen – insbesondere das Tierwohl. Aus Klimaschutzgründen aber lässt sich derzeit keine rechtliche Pflicht des Einzelnen begründen. Unsere Verfassung verlangt Verhältnismässigkeit: Eine Pflicht muss legitim, geeignet, erforderlich und angemessen sein. Bei individuellen Klimahandlungen scheitert es schon an der Eignung, weil es kein globales Gesamtkonzept gibt, in das sich diese Einzelmassnahmen sinnvoll einfügen. Ohne ein solches Rahmenwerk bleiben sie klimawirksam praktisch ineffektiv.
Nationale Alleingänge und moralisch aufgeladene Einzelanstrengungen können global sogar zu einer Verschlechterung beitragen.
Sie gehen weiter und sagen, sie könnten sogar schädlich sein. Inwiefern?
Schädlich sind nicht Hafermilch oder Lastenrad, sondern die Effekte, die daraus im bestehenden System entstehen können. Das Pariser Abkommen ist von seiner Struktur her dysfunktional: Staaten setzen sich freiwillige Ziele, aber es gibt keine Sanktionen, wenn sie diese verfehlen. Dadurch treten Leakage‑Effekte auf: Wenn Europa weniger fossile Brennstoffe kauft, sinkt der Weltmarktpreis, andere Staaten kaufen mehr und verbrennen unter schlechteren Umweltstandards. Nationale Alleingänge und moralisch aufgeladene Einzelanstrengungen können so global sogar zu einer Verschlechterung beitragen.
Sie kritisieren ein «Moralspektakel» rund um die Klimaschutz-Debatte. Was meinen Sie damit?
Ich will ausdrücklich nicht allen Menschen, die nachhaltig leben, schlechte Motive unterstellen. Viele tun das aus innerer Überzeugung und im Stillen. Aber Studien zeigen, dass ein Teil ökologischer Lebensstile als Statuswährung genutzt wird – man definiert sich über den eigenen Nachhaltigkeitsgrad und inszeniert das nach aussen. Problematisch wird es, wenn daraus ein moralischer Zeigefinger wird: der Blick auf das Schnitzel des Nachbarn oder der Kommentar zur fehlenden Solaranlage auf dem Dach. Das erzeugt Polarisierung, Scham und Trotz – und diese Spaltung schwächt am Ende die Bereitschaft, an einem kollektiven Klimasystem mitzuwirken.
Das Gespräch führte Olivia Röllin.