Köpfhörer: Musik immer und überall dabei

Während portable Musikgeräte immer kleiner werden, tragen Jugendliche immer grössere Kopfhörer. Die Musik für unterwegs ist nicht mehr wegzudenken. Modeerscheinung oder Kulturtechnik? Einem Zeitgeist auf der Spur: Dem Bedürfnis nach Musik im Alltag.

Eine Frau fährt auf dem Fahhrad. Sie trägt Kopfhörer, die per Kabel mit Vögeln verbunden sind und auch mit einem Bildschirm, der der Frau direkt ins Gesicht scheint. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: So schnell werden Kopfhörer nicht mehr aus unserem Alltag verschwinden. SRF/Andy Fischli

Sie sind aus dem städtischen Alltag nicht mehr wegzudenken. Menschen tragen sie unterwegs im öffentlichen Verkehr, im Fitnessstudio, während des Joggens oder verbotenerweise auch auf Fahrrädern: Die Kopfhörer. Auffällig sind die grossen Muschelkopfhörer, die häufig in knalligen Farben die Köpfe junger Menschen schmücken. Unauffällig hingegen sind die kleinen Stöpsel, die in den Ohren stecken. In der Öffentlichkeit bewegen sich immer mehr Menschen mit diesem modernen Kopfschmuck.

Die Wahrnehmung beeinflussen

Mit dem Aufkommen des Walkmans in den 80er-Jahren schafften die Kopfhörer den Durchbruch. Heute haben sie sich vom Gebrauchsgegenstand hin zum modischen Accessoire gewandelt – was auch mit den immer günstigeren und kleineren MP3-Playern und Smartphones zu tun hat.

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Dem Zeitgeist auf der Spur

Von Selfies bis Normcore: der Zeitgeist hinterlässt seine Spuren. Mit sieben gesellschaftlichen Trends sollen die Merkmale unserer Zeit erklärt werden.

Aber das Musikhören unterwegs ist noch mehr. Es ermöglicht uns nicht nur den eigenen Soundtrack zusammenzustellen und stets dabei zu haben, sondern es ist eine Kulturtechnik, die die persönliche Wahrnehmung der Welt beeinflusst.

Doch wieso wollen Menschen von Musik begleitet werden? Sie wirkt beruhigend, wenn der Vater dem Kind ein Schlaflied singt; sie aktiviert, wenn wir schnelle Rhythmen während körperlicher Aktivitäten hören. Melodien beeinflussen das vegetative Nervensystem und unsere Gefühle. Sie bringen uns zum Lachen, Weinen, Nachdenken, Träumen und lassen uns in Erinnerungen schwelgen. Musik hat Kraft.

Keine soziale Abwehrfunktion

Wollen sich Menschen mit portabler Musik im Ohr von der Realität abgrenzen? Stefan Niklas bezeichnet dies in seinem Buch «Die Kopfhörerin: Mobiles Musikhören als ästhetische Erfahrung» als einen Mythos. «Das Kopfhören auf den Aspekt der sozialen Abwehrfunktion zu reduzieren oder sogar als sozial-interaktive Verkümmerung zu übertreiben, kann sich jedenfalls nicht auf eine ernsthafte Beschreibung, sondern lediglich auf Vorurteile stützen», schreibt der Kulturphilosoph. Kopfhören sei Ausdruck eines historisch entstandenen Bedürfnisses nach Musik im Alltag, das so schnell nicht wieder verschwinden werde.

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Nicola Mohler

Nicola Mohler arbeitet als freie Journalistin, die gerne in fremde Kulturen eintaucht. Meist ist sie ohne Kopfhörer unterwegs – doch im Pendelverkehr ist sie froh um ihr Modell mit Geräuschunterdrückung.

Musik lässt uns in die eigene Welt abtauchen. Sie verwandelt die langweilige Tramfahrt in eine Filmsequenz mit persönlichem Soundtrack. Der Ohrwurm der letzten Strandferien erinnert uns an das Rauschen des Meeres und den salzigen Geschmack auf der Haut. Der Alltag ist für einen Augenblick vergessen. Anderseits überhören wir (gewollt oder ungewollt) die Frage eines Mitmenschen, ihm beim Ausstieg aus dem Tram zu helfen.

Der persönliche Soundtrack ist ein Phänomen unserer wachsenden Individualität, der die Geräuschkulisse der Natur übertönt: die singenden Vögel, die rauschenden Flüsse, die manchmal belanglosen, manchmal interessanten Gespräche unserer Mitmenschen oder einfach die Stille, die uns unseren eigenen Atem hören lässt. Dieser Soundtrack der Natur ist so vielseitig wie jede von uns zusammengestellte Playlist, der sich aber nicht auf Knopfdruck abrufen lässt.