Der erste Kuss, das erste Mal das Meer sehen, die erste Kündigung: Diese Erfahrungen setzen Erwartungen, Massstäbe und Ängste. Es entsteht ein Knotenpunkt, zu dem wir innerlich immer wieder zurückkehren und den wir erzählend weiterbearbeiten.
Der Literatur- und Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt nennt uns deshalb «Erfahrungswesen»: Entscheidend ist nicht, wie viel wir erleben, sondern welche Erlebnisse wir so durcharbeiten, dass sie zu lebendigen Erfahrungen werden. Vier Redaktorinnen und Redaktoren von SRF berichten von ihren ersten Mal.
Aus dem Flugzeug springen
Manchmal ist schon das erste Mal eines zu viel. Bei mir war es die Erfahrung, in 4000 Metern Höhe aus dem Flugzeug geschubst zu werden. Mit 200 km/h stürzte ich der Erde entgegen, wollte schreien, doch mir blieb die Stimme im Hals stecken. Bis zum Exit sass ich völlig entspannt im Flieger, dann kam der Schubs. Dass der Fallschirmsprung laut Prospekt «Adrenalinschub», «einmalig» und «unvergesslich» sein sollte, machte es nicht besser. Als der Schirm endlich aufging, legte mein Tandempartner zur Krönung noch ein paar Kunstflug‑Kapriolen hin. Unten angekommen war ich kreidebleich und hatte mir – zum ersten Mal – eine ausgewachsene Flugangst eingehandelt. (Olivia Röllin)
Szechuan-Pfeffer essen
Mehr erste Male, bitte! Egal ob Sex, Bier, Koriander oder Fliegen. Das erste Mal war nicht immer gut. Aber es bleibt unweigerlich im Gedächtnis. Erste Male bereichern unser Leben. Leider aber werden sie immer seltener, je älter wir werden. Das liegt in der Natur der Sache, aber auch an uns selbst. Darum habe ich wieder angefangen, Dinge zum ersten Mal zu tun: Szechuan-Pfeffer essen, mit Acrylfarbe malen, Padel spielen. Das Schöne am ersten Mal ist ja: Man darf schlecht sein. Wenn man sich aber öffnet, kann das erste Mal zum Anfang eines neuen Lebens werden. Denn für uns alle gilt der Satz von Nina Chuba: «Ich leb' grade zum ersten Mal». (Yves Bossart)
Das Meer sehen
Im Morgengrauen verliessen wir die Schweiz Richtung Spanien, ein Bus voller Teenager-Lachen, Müdigkeit und heimlicher Aufregung. Die Heimat und die elterliche Aufsicht hinter uns. Kilometer um Kilometer wuchs die Ahnung von Salz in der Luft. Neben mir meine erste grosse Liebe, vertraut mit dem Meer aus Italien. Er erzählte davon, als spräche er von einem alten Freund. Dann, nach endlosen Kurven, lag es da: weit, schimmernd, überwältigend. Ich schwieg. Das Meer, das Rauschen, die dunkle, fast bedrohliche Tiefe, die gekräuselte Oberfläche, soweit das Auge reicht. Den Fuss zum ersten Mal eingetaucht, Salz auf den Lippen. Unvergesslich, bis heute. Wie die erste grosse Liebe. (Christine Schulthess)
Lob auf die Routine
Der weit verbreitete Fetisch «Première» überzeugt mich nicht. Sicher: Dem ersten Schultag, der ersten grossen Liebe, dem ersten Job kommen eine Sonderstellung zu. Doch die meisten Dinge, die das menschliche Leben reich und lustvoll machen, sind ohne Zeit, die in die wir über eine längere Phase hinweg investieren. Eine erste, flüchtige Begegnung mag einen zwar elektrisieren. Freundschaften werden aber erst tief, wenn wir sie lange pflegen. Oder denken wir an die Musik: Die ersten Proben eines neuen Stücks sind qualvoll. Je länger wir üben, umso genussvoller der Klang. Ich lobe mir deshalb die Routine als notwendige Voraussetzung, etwas zur Meisterschaft zu bringen. (Barbara Bleisch)