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Lob auf die Verletzlichkeit Verletzlichkeit: Ist sie Wunderkraft statt Makel?

In einer Welt voller Krisen und Spannungen, in der oft Resilienz über Verletzlichkeit gestellt wird, betonen zwei Experten die Stärke, die in der Verletzlichkeit liegt.

Kriege, unberechenbare Kriegsherren, Inflation, Wohnungsnot, Zukunftsängste: Inzwischen sind es eher Dauerkrisen als Ausnahmezustände – und damit auch eine Dauerbelastung. Hinzu kommen neuere Formen der Verletzlichkeit durch künstliche Intelligenz, wie etwa Deep-Fake-Pornografie oder beleidigende Chatbots. Verletzlichkeit scheint da fehl am Platz zu sein, Resilienz die scheinbar bessere Option.

Nein, sagen Barbara Schmitz und Giovanni Maio: Verletzlichkeit sei keine Schwäche, sondern eine grundlegende menschliche Eigenschaft, die Nähe, Solidarität und echte Stärke gar erst ermögliche. Ohne diese geteilte Verwundbarkeit drohe moralische Gleichgültigkeit.

Frau mit Händen auf der Brust.
Legende: Es ist Zeit, Stärke neu zu denken: etwa als Fähigkeit, berührbar zu bleiben. Imago/Cavan Images

Maio sieht in der Verletzlichkeit ein Zwischenstadium, welches Entwicklung und Qualitäten wie Sensibilität und Vertrauen fördert. Schmitz sieht Verletzlichkeit als einen elementar wichtigen Teil des menschlichen Lebens, der nicht unterdrückt werden sollte.

Verletzlichkeit verbindet

Beide kritisieren die Vorstellung des Menschen als autarkes, selbstmächtiges Wesen. Sie betonen, dass Verletzlichkeit uns mit anderen verbindet und die Notwendigkeit von Fürsorge aufzeigt. Maio hebt hervor, dass gerade in der Medizin die Anerkennung der Verletzlichkeit von Patienten zu einer Kultur der Sorge führen muss, anstatt sie nur technisch zu behandeln.

Krisen wie die Corona-Pandemie hätten uns schmerzlich bewusst gemacht, dass wir alle verletzlich sind und Stabilität keine Selbstverständlichkeit ist. Die Akzeptanz dieser Tatsache schütze uns vor Allmachtsfantasien und der Vorstellung, alles kontrollieren zu können.

Maio und Schmitz distanzieren sich von einer simplen Interpretation, die Verletzlichkeit als Ursache für Probleme wie Sucht, Schulden oder Fettleibigkeit sieht. Stattdessen plädieren sie für geschützte Räume, in denen Verletzlichkeit gezeigt werden kann, und für die Entwicklung von Kulturen der Sorge, die die Illusion der Unverwundbarkeit überwinden. Sie betonen, dass Verletzlichkeit ein moralischer Begriff ist, der uns dazu aufruft, Verantwortung für andere zu übernehmen und marginalisierte Gruppen zu integrieren.

Resilienz: die Antwort?

Die Philosophin Barbara Schmitz stellt die Tauglichkeit des Begriffs «Resilienz» in Frage: Der Begriff verweise auf ein Mittel gegen Störungen, gegen Ausgeliefertsein, Schwäche, gegen Verletzbarkeit. Versuche man, Resilienz als eine Anpassung des Individuums an die Umweltbedingungen zu verstehen, sei es fraglich, wie genau diese Anpassung aussehen soll und ob sie wirklich stets positiv zu beurteilen sei.

Liegt Resilienz erst dann vor, wenn jemand durch das Leben gestählt worden ist? Ist diese Anpassung wirklich wünschenswert?

Zärtlichkeit als Haltung

Als schönste Antwort auf Verletzlichkeit schlägt Schmitz die Zärtlichkeit vor – nicht als physische Geste, sondern als eine Haltung der Umsicht, Vorsicht und Nachsicht. Zärtlichkeit als praxisnahe Ethik der Rücksichtnahme – im persönlichen Nahbereich ebenso wie im gesellschaftlichen und politischen Kontext.

Maio betont, dass die Einsicht in diese geteilte Verletzlichkeit Trost spendet und das Gemeinschaftsgefühl fördert, welches wiederum Mut spendet, für eine bessere Welt einzustehen, mit gemeinschaftsstiftenden Werten und Sorgekulturen.

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 12.4.2026, 11:00 Uhr

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