Die US-Ambitionen auf Grönland beherrschen die Schlagzeilen. Manche Kommentatoren mutmassen, dass Donald Trump Grönland nicht nur wegen seiner Bodenschätze haben will. Sondern auch deshalb, weil es auf Weltkarten so riesig wirkt.
Tatsächlich sind Weltkarten verzerrt. Um zu verstehen, woran das liegt, muss man einen Blick zurückwerfen – ins 16. Jahrhundert. Damals tüfteln Kartografen an einem schwierigen Problem: Wie können sie den dreidimensionalen Globus auf einer zweidimensionalen Karte darstellen? Vor allem Seefahrer sind auf solche Karten angewiesen: Sie brauchen gerade Linien, um korrekt navigieren zu können.
Mercators Weltkarte prägt unsere Weltsicht
Nach vielen Versuchen hat der Flame Gerhard Mercator im Jahr 1569 eine Idee: Er legt ein Blatt Papier wie einen Zylinder um einen Globus. Die Papierrolle berührt den Globus am Äquator. Dann projiziert Mercator jeden Bildpunkt vom Globus auf das Papier. So entsteht die sogenannte Mercator-Projektion – eine Karte, bei der alle Winkel korrekt wiedergegeben werden.
Die Karte ist ein Segen für die Kapitäne, die von Europa aus in See stechen und Eroberer und Abenteurer in alle Welt bringen. Für Mercator versteht es sich von selbst, dass er Europa ins Zentrum seiner Karte rückt. Seine Idee macht ihn weltberühmt. Bis heute beruhen übliche Weltkarten und GPS-Karten auf seinem Verfahren.
Der Haken: Je näher ein Land an den Polen liegt, desto stärker wird es vergrössert. So wirken vor allem Nordamerika, Grönland, Europa und Russland im Vergleich zu ihrer tatsächlichen Grösse geradezu aufgeblasen. Sie nehmen auf der Karte deutlich mehr Gewicht ein als Afrika – das im Verhältnis relativ klein scheint.
Die Mercator-Projektion ist bis heute eine der populärsten Weltkarten. Sie wird unter anderem in Schulen verwendet. Wie stark sie unsere Wahrnehmung prägt, zeigt sich, wenn man sich Karten oder Grafiken anschaut, die die tatsächlichen Grössenverhältnisse auf der Erde zeigen – intuitiv wirkt eine solche Darstellung erst einmal komplett falsch.
Eurozentrisches und koloniales Weltbild
Auf solchen korrigierten Weltkarten schrumpft die riesig wirkende Insel Grönland auf Zwergesgrösse zusammen. Anderes Beispiel: Russland. Auf Mercator-Karten wirkt Russland mindestens so gross wie Afrika. Tatsächlich ist es flächenmässig gerade einmal rund halb so gross wie Afrika.
Deshalb gerät die Mercator-Projektion Anfang der 1970er-Jahre in die Kritik: Mercators Weltkarte sei eurozentrisch und geprägt von einer kolonialen Sichtweise, bemängeln viele. Deshalb entwickelt der deutsche Kartograph Arno Peters 1973 eine Weltkarte, die die Länder der Erde flächenmässig korrekt darstellt.
Landkarten und Weltwahrnehmung
Peters' Karte erinnert stark an eine Karte, die der Schotte James Gall im Jahr 1855 entwickelt hat. Deshalb wird Peters Weltkarte später als Gall-Peters-Projektion bekannt. Doch auch sie hat einen Haken: Länder und Kontinente sind hier stark in die Länge gezogen.
Die ernüchternde Wahrheit ist: Unsere dreidimensionale Welt auf eine zweidimensionale Karte zu übertragen, ist komplett ohne Verzerrungen schlicht unmöglich.
Trotzdem ist der Blick auf verschiedene Weltkarten erhellend. Beim Vergleich wird eines ganz deutlich: Landkarten bilden die Welt nicht einfach ab. Sie spiegeln, wie wir die Welt wahrnehmen. Das hat konkrete politische Auswirkungen – siehe Grönland.