Der Duft von Jasmin und Schiesspulver gehört zu den ersten Erinnerungen von Hamza Howidy. Er wächst in den Nullerjahren im Viertel Al Rimal auf, im Herzen Gazas. Direkt an der Strandpromenade, voller Cafés, voller Leben. In Al Rimal feiern Familien Hochzeiten, kommen zum Glacé essen.
2007 ist Al Rimal aber auch Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen der säkular-sozialistischen Fatah-Partei und der radikal-islamistischen Hamas. Howidy beschreibt, wie er als Kind Zeuge von Hinrichtungen durch die Hamas wird.
Seltener Einblick
In «Muscheln am Strand von Gaza» beschreibt Hamza Howidy sein Aufwachsen unter israelischer Besatzung und Blockade, und unter der Herrschaft der Hamas. Beim Lesen wird fassbar, was das im Alltag der Menschen bedeutet. Es eröffnet einen einzigartigen Einblick, wie beengt und ausweglos die Situation in Gaza für viele Menschen war.
Dieser Enge und Gewalt steht die Offenheit von Howidys Vater gegenüber. Einem Computeringenieur, der seinen Sohn lehrt, selbst zu denken, neugierig zu sein: etwa bei einem Ausflug zum Strand, wo er ihm erklärt, dass man das Rauschen des Meeres in Muscheln hören könne.
«Damals verstand ich nicht, dass mein Vater mir etwas Tiefgründiges über die Offenheit gegenüber der Welt beibrachte – dass man, wenn man genau hinhört, entfernte Stimmen, andere Welten und Perspektiven hören kann. Aber Jahre später, als ich Nachrichten eines israelischen Fremden in meinem Posteingang hatte, Nachrichten meines ‹Feindes›, erinnerte ich mich an diese Muschel.»
Zweifel und Neugier – das zeichnet Hamza Howidy aus. In seiner Autobiografie nimmt er uns mit auf eine Reise in sein Innerstes. Seine Zweifel an Religion und Macht, seine Neugier darauf, wie sein Internetkontakt Omer, ein Israeli, die Welt sieht.
Zwischen allen Fronten
2019 nimmt Howidy an den Protesten gegen die Hamas teil, er wird verhaftet und schwer gefoltert. Später gelingt ihm die Flucht aus Gaza. Heute lebt der Autor in Deutschland. Er verurteilt den Terror der Hamas genauso wie das Vorgehen der israelischen Regierung, der Kriegsverbrechen und Völkerrechtsbrüche vorgeworfen werden.
Damit steht Hamza Howidy zwischen allen Fronten: von beiden Lagern mal angefeindet, mal vereinnahmt, wie er in seinem Buch schreibt, etwa bei Interviews in westlichen Medien: «Sie wussten genau, was sie von mir wollten: den Palästinenser, der die Hamas attackierte, nicht den, der auch Israels Kriegsverbrechen kritisierte. Sie waren nicht die Einzigen, die meine Stimme für ihr Narrativ nutzen und nicht meine ganze Wahrheit hören wollten.» Manchmal fühle er sich wie der einsamste Palästinenser der Welt.
Es ist die Einsamkeit eines Mannes, der alles hinterfragt: Religion, Narrative, Loyalitäten und damit vieles verliert, jedoch seine persönliche Integrität bewahrt.
«Muscheln am Strand von Gaza» erzählt nicht nur die Lebensgeschichte des Autors, sondern auch die seiner Freunde und Freundinnen aus Gaza, deren Zärtlichkeit das Leben lebenswert macht und in deren Schicksalen sich die Abgründe spiegeln, des scheinbar endlosen Kreislaufs der Gewalt.
Angesichts der Zerstörung Gazas und der über 73’000 getöteten Palästinenserinnen und Palästinenser liest sich das Buch als beklemmendes Zeitdokument.