Trotz Waffenruhe ist die Krise in Gaza gravierend, berichtet ein NGO-Mitarbeiter vor Ort – vor allem für die Kinder.
SRF News: Gaza hat einen harten Winter hinter sich. Wie ist die gesundheitliche Situation jetzt?
Giorgio Monti: Mit dem Einsetzen der Hitze kommen neue Katastrophen hinzu. In den sieben Monaten Waffenruhe wurde nichts getan, um den Menschen zu helfen. Die steigenden Temperaturen haben Plagen gebracht: Krätze, Läuse, Bettwanzen und Ratten.
Im Gazastreifen ist kein Rattengift verfügbar, also versuchen die Menschen, die Plage mit phosphorhaltigen Pflanzenschutzmitteln einzudämmen. Das wiederum hat zu mehreren Vergiftungsfällen bei Menschen geführt. Abgesehen davon ist es weiterhin sehr schwierig, Medikamente zu finden und die Menschen zu versorgen.
Statt die Ratten zu töten, bringt man also die Menschen noch mehr in Gefahr?
Genau. Und die Tiere sind aggressiver geworden. In den Zeltlagern gab es schon immer Ratten, aber jetzt haben sie sich stark vermehrt. Sie dringen in die Lebensmittelvorräte ein und greifen Kinder und ältere Menschen an.
Die Krise im Gazastreifen hat humanitäre und gesundheitliche Aspekte. Wie würden Sie die Lage charakterisieren?
Es gibt keinen Ausweg. Im Unterschied zu anderen Kriegen gibt es in Gaza keine Möglichkeit, zu fliehen. 18’500 Menschen warten darauf, aus medizinischen Gründen evakuiert zu werden. Seit die Waffenruhe herrscht, kamen durchschnittlich sechs pro Tag heraus. In diesem Tempo würde es acht Jahre dauern, nur um die Kranken hinauszubringen.
Es gibt in Gaza Schokolade und Pommes frites, aber kein frisches Obst oder Medikamente.
Es ist klar, dass die Menschen, die auf eine Behandlung warten, auf diese Weise sterben. Und wer versucht, ein normales Leben zu führen, ist immer mehr desillusioniert. Dies führt zu einer Kette der Verzweiflung, die wirklich schwer zu bewältigen ist.
Wie viele Menschen können Sie pro Woche behandeln?
Wir betreuen einige Tausend Menschen pro Woche. Wir haben Mutter-Kind-Beratungsstellen, verteilen Nahrungsmittel, führen Impfungen durch und versorgen akute Patienten. Wir schaffen es mit grossen Schwierigkeiten, einige Medikamente für chronisch Kranke zu finden.
Am meisten beeindruckt mich der Versuch, ein normales Leben zu führen.
Und wir geben unser Wissen weiter. Die lokalen Jugendlichen sind sehr gut. Wir sind vier internationale Mitarbeiter und vierzig Menschen aus Gaza, die mit uns arbeiten.
Die Einfuhr von humanitärer Hilfe nach Gaza war immer wieder Thema. Wie viel kommt wirklich hinein?
Die humanitären Konvois haben abgenommen: Im Oktober waren es 180, im April noch 87. Das sind die von der UNO organisierten Konvois. Rund 40 Prozent dessen, was hineinkommt, werden als nicht notwendiges Material definiert.
Es gibt in Gaza Schokolade und Pommes frites, aber keine Eier, kein frisches Obst oder Medikamente. Die Situation ist fast schizophren.
Sie retten Menschenleben und kümmern sich um Menschen. Wie viele Hoffnungsgeschichten begegnen Ihnen jeden Tag?
Am meisten beeindruckt mich der Versuch, ein normales Leben zu führen. Zum Beispiel die Hochzeitsfeste.
Es ist hier Tradition, dass der Bräutigam die Braut zu Hause abholt, begleitet von Trommeln. Man hört ständig diese Trommeln. Dass diese jungen Männer und Frauen ein Leben haben wollen, sich verlieben, heiraten, Kinder haben wollen, ist ergreifend.
Das Gespräch führte Reto Ceschi / RSI.