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Matur und was nun?
Aus Kontext vom 14.06.2020.
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Nach der Matura Endlich reif fürs kognitive Chillen?

Matura geschafft! Was nun? Eine Bildungsexpertin, ein Psychologe und vier junge Erwachsene erzählen von der Zeit, in der das Gymnasium passé ist, aber der Lebensplan noch nicht steht.

«Jetzt chill' ich erst mal und dann mach' ich nichts», lautet der provokative Titel eines von mehreren neuen Büchern über das Leben nach dem Abitur oder der Matura. (Siehe Box am Ende des Artikels)

Manche junge Erwachsene, die das Reifezeugnis in der Tasche haben, freuen sich auf viel freie Zeit und neue Erfahrungen. Andere dagegen steuern direkt ein bestimmtes Studium an und wollen möglichst schnell von der Schulbank in den Hörsaal wechseln.

«Und jetzt, was machsch?»: Antwort von Maturandin Marie

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«Und jetzt, was machsch?» – Das ist eine tolle Frage, sofern man eine Antwort darauf hat. Momentan ist das bei mir nicht so. Man trifft in der Migros die Nachbarin, sie stellt diese Frage, man stottert etwas hin und glaubt selbst nicht wirklich daran.

Ich brauche noch Zeit. Und irgendwie habe ich das Gefühl, die Zeit rennt mir davon. Das klingt seltsam, denn ich stehe ja ganz am Anfang meines Zwischenjahres. Aber es fühlt sich so an, als müsste ich noch extrem viel herausfinden, bevor ich mich wirklich entscheiden kann.

Es ist aber auch spannend. In diesem Zwischenjahr kann alles passieren. Vielleicht verliebe ich mich im Ausland in einen Mann und bleibe dort? Vielleicht entdecke ich etwas komplett Neues, das mich interessiert? Es kann in jede Richtungen gehen.

«Kognitive Energie versauen»

Die Idee, erst einmal «chillen» zu wollen, komme nicht überall gut an, sagt Albert Düggeli, Professor für pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule der FH Nordwestschweiz.

Chillen stehe unter dem Verdacht, dass da gar nichts mehr laufe, sagt Düggeli. «Dass die jungen Leute nur herumhängen, nichts Gescheites machen, auf keinen grünen Zweig kommen und dabei noch ihre kognitive Energie versauen.»

Doch solche Phasen könnten durchaus «produktiv» und für den weiteren Lebensweg wichtig sein. Denn der Übergang von der Schule ins Studium stellt an die jungen Erwachsenen hohe Anforderungen.

Die Qual der Wahl

Ist die Matura einmal geschafft, stehen in der Schweiz viele Türen offen. Das Studienangebot ist gross, und die Möglichkeiten der Fächerkombinationen sind vielfältig. Da hat die eine schon mal die Qual der Wahl, und der andere weiss nicht, was im anvisierten Studiengang auf ihn zukommt.

«Und jetzt, was machsch?»: Antwort von Maturand Sebastian

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Ich finde die Frage: «Und jetzt, was machsch?» mühsam, denn meine Antwort darauf ist ziemlich leer: «Ich mache den Zivildienst.» Dann haken die Leute nach: «Und nochem Zivildienst?»

Ich weiss es nicht. Ich bin einfach froh, dass ich mal aus diesem System von «lernen, lernen lernen und machen, machen, machen» rauskomme. Dass ich endlich den Kopf frei habe.

Vielleicht entdecke ich so etwas ganz Neues, das mich interessiert. Ich kann mir vieles vorstellen im kreativen Bereich.

Ich bin auch ein bisschen ängstlich, denn ich will mich richtig entscheiden. Nach dem Zivildienst bin ich ja schon 21. Klar, das ist noch jung. Verglichen mit Leuten aber, die eine Lehre gemacht haben, und schon ganz woanders stehen im Berufsleben, ist es dann auch wieder alt.

Die meisten Maturanden verfügen kaum über Erfahrung in der realen Berufswelt. Nach dem Abschluss gehe es für die jungen Erwachsenen darum, mit offenen Situationen umgehen zu können, sagt Albert Düggeli, neue Erfahrungen zu machen und eigenständige Entscheide zu treffen.

Ausprobieren, was man will

Erst einmal tun sich nach der Matura neue Handlungsräume auf, erst recht in einem eingeschobenen Zwischenjahr. «Ich möchte vielleicht einmal in einem Café arbeiten, Zeitungen austragen, Freiwilligenarbeit leisten, einfach verschiedene Sachen ausprobieren, um herauszufinden, was ich will», sagt die 18-jährige Fina aus Basel und fährt fort: «Für mich ist es bei der Berufswahl sehr wichtig, dass man eine für die Gesellschaft sinnvolle Arbeit macht.»

Es ist ein anspruchsvoller Übergang ins Erwachsenenleben, bei dem es darum geht, einen reflektierten Entscheid zu treffen. Dieser Entscheid sei dann gut, wenn er später weitere Möglichkeiten eröffne und zu einem gelingenden Leben beitrage, sagt der Psychologe Albert Düggeli.

Drei junge Frauen sitzen bei einer Prüfung vor einer Weltkarte.
Legende: Die Reisepläne ändern: Auch vor dieser Aufgabe stehen Maturanden im Corona-Jahr. Keystone / Gaetan Bally

Drei Viertel gehen an die Uni

Fast alle jungen Frauen und Männer wechselten nach der gymnasialen Matura in ein höheres Bildungssystem, stellt Regula Julia Leemann, Professorin für Bildungssoziologie an der Pädagogischen Hochschule der FH Nordwestschweiz fest.

«Und jetzt, was machsch?»: Antwort von Maturandin Fina

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Das Zwischenjahr habe ich mir anders vorgestellt. So am Ende eines mega anstrengenden Schlussspurtes die grosse Freiheit. Jetzt ist Corona und alles ist anders. Ein bisschen fühlt es sich an, als würde ich feststecken.

Dabei dachte ich immer: Jetzt geht es los, jetzt beginnt das Leben zu rollen. Stattdessen habe ich jetzt viel Zeit mit der Familie verbracht. Das ist zwar schön. Aber eigentlich etwas unpassend.

Jetzt wäre der Zeitpunkt, loszugehen, die eigene Zukunft zu gestalten. Stattdessen herrscht eine gewisse Verunsicherung. Denn viele Firmen oder NGOs ziehen ihre Praktika zurück, Pläne im Ausland funktionieren nicht mehr, die wirtschaftliche Situation ist unsicher. Und das erste, was nun gestrichen wird, sind Praktika oder Stellen für junge, unerfahrene Leute wie uns. Das ist irgendwie schon bitter.

Die meisten, 77 Prozent, wählen eine Universität. Weitere 10 Prozent treten in eine Fachhochschule und 8 Prozent in eine Pädagogische Hochschule ein.

Infografik: Maturitaetsquote

Bei der Wahl des Studiums folgen sie oft ihren Interessen, etwa den Schwerpunktfächern, die sie bereits im Gymnasium bevorzugt haben.

Wenig Chancengleichheit

In der Schweiz erreichen allerdings nur 22 Prozent eines Jahrgangs eine gymnasiale Matura. Viele dieser jungen Erwachsenen stammen aus einem gebildeten und wirtschaftlich gut gestellten Milieu. Töchter und Söhne von Eltern mit tieferem Bildungsstand verfügen über bedeutend schlechtere Chancen, je ein Gymnasium zu durchlaufen und ein Maturazeugnis zu erhalten.

Die Bildungssoziologin Regula Julia Leemann spricht von einer «starken sozialen Selektivität» – ein Umstand, der in der Schweiz im internationalen Vergleich besonders ausgeprägt ist und seit Jahrzehnten kritisiert wird.

«Und jetzt, was machsch?»: Antwort von Maturandin Elena

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Irgendwie fühlt es sich nicht so an, als hätte ich die Matur. Es fühlt sich eher an, als würde ich im Leeren stehen.

Die Matur, darauf haben wir 12 Jahre hingearbeitet. Wir wussten, das wird der grosse Kraftakt zum Schluss. Und dann ist es ganz anders gekommen. In einer Mail stand einfach, dass keine Prüfungen stattfinden, dass wir die Matur nun bestanden haben.

Es fühlt sich unabgeschlossen an. Es fehlt das körperliche Erleben dieser Anstrengung, das Adrenalin. Uns fehlt die Erfahrung, wie es ist, eine Woche lang am Stück Prüfungen zu haben. Das werden wir nun zum ersten Mal an der Uni erleben.

Herkunft bestimmt Studium

Auch bei der Studienwahl spiele die soziale Herkunft eine entscheidende Rolle, sagt Regula Julia Leemann weiter: «Wer aus einer benachteiligten sozialen Schicht kommt, wählt eher ein kürzeres Studium, das zu einer Berufsausbildung führt. Bei einer solchen weiss man nachher, welchen Beruf man gelernt hat und ob man damit eine Anstellung findet.»

Diese jungen Erwachsenen studieren deswegen nach der Matura eher an einer Fachhochschule oder Pädagogischen Hochschule als an einer Universität. Denn mit dem Bachelor können sie bereits nach drei Jahren einen Studienabschluss vorweisen, der sie zur Berufsausübung qualifiziert.

Im Gegensatz dazu wählen Töchter und Söhne aus einem gebildeten und wirtschaftlich gut gestellten Elternhaus eher ein langes Studium wie etwa Medizin. Und sie lassen sie sich öfter auf Fächer wie Medienwissenschaften, Gender Studies, Urbanistik oder Kunstgeschichte ein, die nicht direkt auf eine konkrete berufliche Tätigkeit ausgerichtet sind.

«Eltern sollen begleiten»

Die Eltern spielen im Hintergrund also eine gewisse Rolle – nur schon, wenn es um die Finanzierung des Studiums geht. Da ist es naheliegend, dass sie Vorstellungen über den idealen beruflichen Werdegang ihrer Kinder äussern.

Der Psychologe Albert Düggeli geht davon aus, dass sie in diesem Lebensabschnitt nicht mehr erzieherisch wirken, aber eine begleitende Funktion übernehmen können.

Es sei gut, wenn Vater und Mutter weiter «dabei» seien: «Die jungen Erwachsenen sind die Erzähler ihres Daseins. Die Eltern können nachfragen, Interessen teilen, verlässliche Vorbilder sein, respektvoll mit der Autonomie der jungen Erwachsenen umgehen und ihnen Vertrauen schenken. Im Idealfall sind sie Co-Autoren der Lebensgeschichte ihrer Kinder.»

Buch-Tipps zum Schulabschluss

  • Bartholomäus, Ulrike: «Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann? Die grosse Orientierungslosigkeit nach der Schule.» Berlin Verlag, 2019.
  • Bühre, Paul: «Das Jahr nach dem Abi: An alle Leute, die noch keinen Plan haben oder denken, sie hätten einen.» Ullstein, 2019.
  • Rogler, Olga: «Jetzt chill‘ ich erst mal und dann mach' ich nichts ;) Wie das Leben nach dem Abi wirklich aussieht.» Kösel Verlag, 2019.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 15.06.2020, 9:06 Uhr

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Marc Blaser  (PrCh)
    Viele Eltern haben leider keine Ahnung, wie wir unser Bildungssystem ausnutzen können. Es gibt Berufe wie z.B. Psychologe, bei welchem man zuerst keine geeignete Lehre findet. Während einer Lehre kann die Person aber beispielsweise die Matura absolvieren und lernen, was es heisst zu Arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Beispiel: Lehre(BM)->FH->UNI(ca. 25). Vorteile: Praxiserfahrung, Einkommen->Staatskasse, Verständnis (Arbeitervolk, Politik) und im Notfall kann an immer irgendwo arbeiten.
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    1. Antwort von Philippe Sauter  (PhilS)
      Alternativ kann man mit der BM eine Passerelle absolvieren und dann an eine Universität gehen.
      Ich würde sagen der grösste Nachteil dieser Wege ist, dass sie sehr lange sein können.
      Ich bin über Lehre + Passerelle and die ETH gekommen. Bis ich jetzt einen Master habe bin ich etwa 28.
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    2. Antwort von Marc Blaser  (PrCh)
      Ja und das ist aber der springende Punkt Herr Sauter. Sie können extrem viel mehr Erfahrung aufweisen als wenn Sie den Weg über die Kanti gewählt hätten. Finde ich sehr gut Ihren Weg. Wenn mal wieder Kriesenzeiten kommen, kann man Sie brauchen! Natürlich geht es mit der BM noch schneller, aber wichtig ist, dass man sich nicht zu viel zumutet.
      Glauben Sie mir eines, Ihr Lebenslauf sieht sehr viel besser aus, wenn Sie über die Lehre an die Uni sind!
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  • Kommentar von Patrick Stalder  (Patrick Stalder)
    Was mir als Student aufgefallen ist :
    Viele Kantischüler wissen gar nicht, dass es Möglichkeiten gibt, direkt nach der Kanti mit Arbeiten anzufangen. Die einzige Frage, die das gesamte soziale Umfeld stellt ist: Was studierst du später ?

    Somit ist jeder, der die Kanti macht eigentlich verpflichtet, nachher noch 3-5 weitere Jahre zu studieren.

    Ich finde dort sollte man ansetzten. Mehr Möglichkeiten anbieten, Kantischüler direkt in die Arbeitswelt zu integrieren.
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    1. Antwort von Marc Blaser  (PrCh)
      Schonmal gute Grundeinstellung. Hier bieten sich Höhere Fachschule etc. ideal an. Am besten ausgebildet ist man, wenn man praktische wie auch akademische Erfahrung/Schulung genossen hat. Das ist es, was unser Bildungssystem stark macht. Klar gibt es gewisse Berufe wie z.B. Psychologe, bei welchem man keine ideale Lehre findet. Aber viele unterschätzen, wie schnell man nach einer Lehre an die UNI kann.
      Beispiel: Lehre->HF->Passarelle->UNI (mit 24).
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    2. Antwort von Philippe Sauter  (PhilS)
      Aber wäre dann eine Lehre nicht viel sinnvoller?

      Und sonst gibt es noch Way-up Klassen (oder ähnlich). Durch diese kann man mit einer Maturität eine verkürzte Lehre absolvieren.
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    3. Antwort von Marc Blaser  (PrCh)
      Doch auf jeden Fall ist die Lehre meist sinnvoller. Vielleicht habe ich mich auch etwas zu ungenau ausgedrückt. Wenn man lange Zeit studiert, reichen 3-6 Monate einfach nie aus, um einen richtigen Einblick in die Branche und die Berufswelt zu erhalten. Für Herausforderungen wie Einkommen verwalten, steuern bezahlen, auch mal Unten durch müssen etc., wird man in der Lehre wunderbar darauf vorbereitet.
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    4. Antwort von Oliver Michel  (oliver451451)
      Ich bin jetzt auch an einer Lehre dran als Elektroinstallateur, nach der Matura. Man sollte sich solche Wege nicht verbauen, nur weil es unüblich ist
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  • Kommentar von Elisabeth Frehner-Isenring  (Denia)
    Warum immer die einzelnen Berufe gegeneinander ausspielen? Es gibt in jedem Beruf bessere und schlechtere "Berufsleute". Ich habe genauso Respekt vor einer guten Coiffeuse wie vor einer guten Ärztin, wenn diese integer sind. Als Eltern sollte man den Kindern nie raten, was diese lernen sollten. Leider wird das zu oft gemacht. Die jungen Leute müssen ihren Weg alleine finden, im Gespräch mit den Erwachsenen und immer auch rational beleuchten, nicht nur gefühlsmässig. Eine Entscheidung durchziehen
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