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Übertritt in höhere Schulstufe Gymnasiast um jeden Preis

Eltern üben immer mehr Druck aus auf Schulen und Lehrpersonen. Manche kommen sogar mit einem Anwalt zum Lehrergespräch.

Legende: Audio Im Ernstfall kommt der Anwalt abspielen. Laufzeit 05:48 Minuten.
05:48 min, aus Echo der Zeit vom 05.07.2018.

Kurz vor den Sommerferien sind im Sekundarschulhaus Hochfeld im Stadtberner Quartier Länggasse die Entscheidungen, wer im nächsten Schuljahr wo zur Schule geht, gefallen. Dieses Jahr hat jeder dritte Abschlussschüler den Übertritt ans Gymnasium geschafft.

Wird der Druck zu gross, kommt der Schulleiter

Die meisten der künftigen Gymnasiasten haben von ihren Lehrerinnen und Lehrern eine Empfehlung bekommen. So funktioniert das im Kanton Bern: Wer empfohlen wird, kann prüfungsfrei an den «Gymer». Erhält ein Kind keine Empfehlung, gebe es schon Eltern, die dies nicht einfach akzeptierten, sagt der Schulleiter, Daniel Haudenschild: «Der Druck wird häufig direkt auf die Lehrpersonen ausgeübt. Wenn der Druck dann zu gross wird, werde ich als Schulleiter ins Boot geholt. Dann gibt es auch ein Gespräch vor oder nach der Entscheidung, ob Gymnasium ja oder nein. Dann versucht man den Eltern zu erklären, weshalb man die Empfehlung nicht abgegeben hat.»

Gymiprüfung oder nicht?

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Was ist fairer: Wenn Schülerinnen und Schüler, die ans Gymnasium wollen, eine Aufnahmepüfung machen müssen, oder wenn ihre Lehrer sie empfehlen? Der kürzlich erschienene Schweizer Bildungsbericht gibt eine Antwort: Die Aufnahmeprüfung ist fairer und sorgt für mehr Chancengleichheit. Denn wo es keine Prüfung gibt, üben die Eltern Druck auf die Lehrer aus, ihren Kindern den Weg ins Gymnasium auch dann zu ebnen, wenn sie die Voraussetzungen nicht mitbringen. Allerdings kommt es auch in Kantonen mit Aufnahmeprüfungen vor, dass Eltern einen Anwalt an das Lehrergespräch mitbringen.

Im Quartier gebe es einige Eltern, die denken, dass ihr Kind unbedingt ans Gymnasium müsse, denn der Akademikeranteil sei hoch, sagt Haudenschild.
Laut Bildungsbericht sind es vor allem Akademiker, die die Lehrer ihrer Kinder unter Druck setzen, damit diese ans Gymnasium kommen. Bei Uneinigkeiten hat der Kanton Bern aber eine Lösung parat: die freiwillige Aufnahmeprüfung.

Kinder, die keine Empfehlung für das Gymnasium erhalten, können diese Prüfung ablegen und sich so qualifizieren. Haudenschild begrüsst dieses System: «Es hängt dann nicht alles von der Entscheidung der Lehrpersonen ab. Man kann die Prüfung bestehen, das ist möglich.» Dass Eltern nach der Prüfung nochmals diskutieren wollen, sei selten, Rekursfälle hatte er noch nie.

Lehrer lässt Eltern ein Protokoll unterzeichnen

Weiter in ein Primarschulhaus im Kanton Zug. Auch hier steht fest, wer nach den Sommerferien an eine der Kantonsschulen gehen darf. Jedes fünfte Zuger Kind wechselt nach der 6. Primarschulklasse ans Langzeit-Gymnasium. Im Kanton Zug gibt, wie in Bern, nicht eine Prüfung den Ausschlag, sondern eine Beurteilung durch die Lehrerinnen und Lehrer. Das führt aber immer wieder zu Diskussionen. Das Gymnasium hat im Kanton Zug einen hohen Stellenwert.

Ein Lehrer sagt: «Fast alle meine Schülerinnen und Schüler wollen ins Gymi. Ihren Eltern ist das wegen des Ansehens wichtig, und sie pushen ihre Kinder – mit Nachhilfe oder sogar Privatlehrern.» Der Primarlehrer, der sich selbst als Lehrer mit klarer Linie charakterisiert und seit über zehn Jahren unterrichtet, erlebt regelmässig Eltern, die Druck machen: «Dass Eltern mir Mails schicken, in denen sie meine Entscheidungen hinterfragen, kommt immer wieder vor. Ich hatte auch schon weinende Eltern vor mir im Übertrittsgespräch.»

Davon lasse er sich nicht unter Druck setzen. Er protokolliere die Elterngespräche zum Übertritt ans Gymi. In heiklen Fällen lasse er die Eltern am Schluss unterschreiben: «Ich habe verstanden, dass mein Kind an die Sekundarschule kommt». So gebe es keine Missverständnisse. Tatsächlich werden sich Eltern und Lehrer in Zug meist einig. Nur zwei bis drei Prozent der Fälle kommen vor eine Kommission, die im Streitfall entscheidet.

Anwalt bei Gespräch mit Lehrpersonen dabei

Nach Meilen am Zürichsee. Die Gemeinde, in der viele Akademiker und Expats leben, schickt im Kanton Zürich die meisten Kinder ans Gymnasium. Rund ein Viertel der Primarschülerinnen und Primarschüler haben dieses Jahr den Übertritt geschafft. Ausschlaggebend war ein Mix aus Vornoten und einer zentralen Aufnahmeprüfung. «Grundsätzlich machen wir gute Erfahrungen damit», sagt Jörg Walser, Rektor der Schule. Grundsätzlich gebe es aber auch in Meilen Druckversuche von Eltern. «Sie haben sogar zugenommen. Und es kommt auch ab und zu vor, dass ein Anwalt bei den Gesprächen dabei ist.»

Was kann ein Kind tatsächlich? Wo steht es? Und wo sollte es am besten hinkommen, auf welche Schulstufe?
Autor: Jörg WalserRektor Schule Meilen

Mit dem Anwalt ans Gespräch: Laut Rektor Walser versuchen die Eltern so, Einfluss auf Entscheidungen der Schule zu nehmen. Er bedauert diese Entwicklung: «Das ist schade, das möchten wir eigentlich immer verhindern. Ich versuche dann ohne Anwalt zu gehen, denn Noten sollte man nicht via Anwalt regeln, sondern man sollte schauen, was kann ein Kind tatsächlich? Wo steht es? Und wo sollte es am besten hinkommen, auf welche Schulstufe?»

Trotzdem: Dass man sich nicht einig werde, komme selten vor, sagt Walser. Ob also Meilen, Zug oder Bern: Überall gibt es Eltern, die ihr Kind unbedingt ans Gymnasium bringen wollen und Druck auf die Lehrer ausüben. Die Druckversuche geschehen aber unabhängig von der Art, wie Kinder fürs Gymnasium ausgewählt werden – ob mit Prüfung oder per Empfehlung.

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77 Kommentare

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  • Kommentar von Elizabeth Müller (ElizabM)
    Man könnte in der Schweiz doch auch ein ähnliches System wie in Österreich einführen. Dort ist es möglich die Lehre und die Matura zusammen zu machen. Das ist dann keine Berufsmatura, sondern die normale Matura. Der Lehrling besucht neben der Lehrausbildung die Vorbereitung auf die Matura und die für ihn zuständige Fachberufsschule. Dieser Maturabschluss berechtigt die Absolventen zu einem Studium an einer Fachhochschule oder Universität. Ist doch eine super System.
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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Wir benötigen immer mehr studierte Hilfsarbeiter - denn die Anforderungen sind auch bei Hilfsarbeit enorm gestiegen. Hilfsarbeit ist auch die Lehrzeit eines Chirurgen oder Jungingenieur, ich kenne Unternehmer die mit Hilfsarbeit angefangen haben und als Millionäre das Sagen haben. Schlussendlich entscheidet das Talent neben einem Studium.
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  • Kommentar von martin blättler (bruggegumper)
    An alle,die glauben,als abverheiter Akademiker habe man bessere Lebensaussichten als ein glücklicher,zufriedener Handwerker oder Kaufmann,sollen sich die Lebensgeschichten von Akademikerproletariern zu Gemüte führen.Die meisten kommen höchstens beim Staat oder in der Sozialindustrie unter.Einige werden sogar Politiker. Ein Kind ist ein Individuum und nicht ein Elternprojekt zur Befriedigung von Eigeninterressen.
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    1. Antwort von Elizabeth Müller (ElizabM)
      Es gibt viele Studien die besagen dass Akademiker mehr verdienen usw also man hat als Akademiker bessere Lebensaussichten. Und es ist besser das Gymnasium auf den ersten Bildungsweg zu machen, weil der zweite Bildungsweg in der Schweiz ist viel zu teuer. Ist eigentlich reine Abzocke.
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