Überraschung sei eine erzählerische Tugend, sagte er. Und Neugier. Neugier vor allem. Überraschend war fast alles an Alexander Kluge, und neugierig blieb er bei allem, was er in Angriff nahm. Er sah sich selbst als «verdeckter Ermittler». Einer, der Ermittlungen gegen unbekannt führt, egal in welchem Medium.
Leidenschaft für Geschichte und Geschichten
Alexander Kluge war Jurist, Schriftsteller, Filmemacher und Fernsehproduzent. 1931 in Halberstadt geboren, hat er als 13-Jähriger den Luftangriff der Alliierten auf seine Heimatstadt überlebt. Ein Ereignis, auf das er später oft zurückkam.
Geschichten und Geschichte waren seine Passion. Er sah das Private im Öffentlichen, das biografische Detail in den Wendungen der Historie. «Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit» heisst einer seiner Filme. Das Grundlagenwerk «Geschichte und Eigensinn» schrieb er 1981 zusammen mit dem Soziologen Oskar Negt.
Sein Film «Abschied von gestern» veränderte 1966 das Kino. Fast zum Sprichwort wurden seine Titel: «In Gefahr und grösster Not bringt der Mittelweg den Tod» (1974) etwa. Der Film ist eine seltsame Mischungen aus Spielfilm und Dokumentation, in Kluges eigener, immer assoziativer Handschrift.
Kluges intellektuelle Interessen reichten von der Oper bis zur Astrophysik. Selbst kein Experte, nutzte er die Expertise anderer. Legendär seine TV-Gespräche, für die er Ende der 1980er-Jahre auch als Produzent auftrat.
Privatfernsehen als Chance
Früh erkannte er Chancen des deutschen Privatfernsehens und nutzte sie mit strategischer Intelligenz. Dabei entwickelte er die TV-Dialoge, etwa mit dem Schriftsteller Heiner Müller, zu einer eigenen Kunstform. Dazu hälte auch, dass er 1987 die Produktionsfirma dctp mitbegründete. Ziel dieser Firma war es, private Fernsehsender wie RTL oder SAT 1 mit wissenschaftlichen und kulturellen Beiträgen zu versorgen. So entstand beispielsweise auch das Magazin «Spiegel TV».
Das zeigt: Kluge war kein Kulturpessimist. Er wollte Geschichten erzählen – und zwar in allen Medien, die er dazu gebrauchen konnte. Als Intellektueller war er um Wirksamkeit bemüht. Er wollte Lernprozesse anstiften, Erkenntnisgewinne ohne pädagogischen Nachdruck.
Mit Talent zum Glück
Die interessierte Öffentlichkeit hatte es ihm gedankt. Er erhielt unzählige Ehrungen und Preise, darunter den Büchner-, den Kleist-, den Adorno- und den Heinrich-Heine-Preis sowie das «Grosse Bundesverdienstkreuz» 2007.
«Wir sind Glückssucher», sagte er einst in einem Gespräch. Man kann ein Talent zum Glück auch bei ihm selbst vermuten, der in privaten Dingen immer diskret blieb. Alexander Kluge war eine öffentliche Figur, einer der wirkmächtigsten Intellektuellen deutscher Sprache.
Nun ist Alexander Kluge im Alter von 94 Jahren verstorben, wie der Suhrkamp-Verlag unter Berufung auf seine Familie mitteilte. Seine Stimme wird unvergessen bleiben. Leise war sie, aber nachdrücklich. Sie wird fehlen.