Beat Föllmi ist eigentlich Professor für Kirchenmusik an der Universität Strassburg. Er mag die deutschen Vorabendkrimis, welche nicht so brutal sind und in 45 Minuten fertig. Viele seien auch eher witzige Krimikomödien. Serien wie «Mord mit Aussicht» oder «Heiter bis tödlich» bis hin zu den «Rosenheim-Cops» und dem Hamburger «Grossstadtrevier».
Dass religiöse Menschen und Kirchenpersonal darin meist sehr klischiert dargestellt werden, sei gar nicht so schlimm, meint der reformierte Theologe Beat Föllmi. Denn das gehöre nun mal zum Genre Fernsehkrimi. Andere Berufsgruppen bekämen auch ihr Fett weg, das macht die Komödie aus.
Stossend findet er aber, dass ganz normales religiöses Leben und auch Spiritualität fast gar nicht vorkommen. Dafür treten überproportional viele Römisch-katholische Priester und Ordensleute auf. Und das meist als Klischee, auch wenn dies im Falle von Nonnen auch positive Klischees sein können.
Fast nie wird aber über die spirituelle Motivation, über den Glauben gesprochen. So wirken insbesondere Ordensfrauen exotisch. Den säkularen Kommissaren bleibt absolut unverständlich, warum etwa eine junge «hübsche» Frau sich fürs Klosterleben entscheidet. Der spirituelle Aspekt dieser Entscheidung, die Berufung, werde hier ebenso wenig thematisiert wie die Spiritualität anderer religiöser Menschen. Und bezüglich der Ordensfrauen spielt jeweils auch noch Sexismus mit.
Obskure Religion
Bedeutet: Religiöse Menschen wirken irrational und daher tatverdächtig. Und das hat Tradition: Insbesondere Ordensleute sind seit Jahrhunderten der Polemik ausgesetzt; Stichwort «Kulturkampf» und «Aufklärung».
Dass es eine «aufgeklärte Religion», eine wissenschaftliche Theologie gibt, dass christliche Kontemplation neben Yoga derzeit einen Boom erlebt in der Realität – solche Aspekte spiegeln sich nirgends in den eher harmlosen Vorabend-Krimis, also wenn «Watzmann ermittelt».
Stattdessen besuchen die Kommissare Sektenzentralen, abgelegene Bauernhöfe mit obskuren Gemeinschaften oder ungastliche Klöster. Das sind alles beliebte Tatorte.
Vor wahren Verbrechen schreckt die Krimikomödie zurück
Auffällig ist, dass in den Krimikomödien – nachmittags um vier – reale kirchliche Skandale wie sexualisierte Gewalt, spirituelle Manipulation und Machtmissbrauch nicht vorkommen. «Das wird nie thematisiert. Merkwürdigerweise», stellt Beat Föllmi fest. Stattdessen dominieren harmlose Klischees. Und der Amtskirche wird lediglich amüsant vorgehalten, altmodisch zu sein.
Föllmi sieht in der schrägen Darstellung frommer Menschen auch die lange Tradition von Religionskritik wirken: Darin gelte «Religion als irrational, und das Irrationale als gefährlich». Und das mache nun fest Gläubige per se tatverdächtig.
Demgegenüber komme das Pfarrpersonal im nachmittäglichen TV-Krimi noch überraschend gut davon. Wenn auch klischiert und unrealistisch. So trat in den 900 Folgen von «Rosenheim-Cops» bis «Grossstadtrevier» keine einzige Pfarrerin oder Pastorin auf! Dabei sind Frauen in Pfarramt und Gemeinde seit Jahrzehnten Realität. Es gibt in Deutschland prominente Bischöfinnen (Margot Kässmann) und Kirchenpräsidentinnen. Fehlanzeige im Vorabend-TV.
Ein Blick in die Schweizer Krimiliteratur zeigt ein etwas anderes Bild: Hier kommt Religion nämlich fast gar nicht vor. Der Schweizer Krimipreisträger 2025, Autor Raphael Zehnder, erklärt sich das vor allem damit, dass die meisten Krimischreibenden säkular seien und keinen Bezug zu religiösen Milieus hätten.
Eine ernsthafte, realistische Auseinandersetzung mit christlichen oder auch muslimischen Glaubenswelten würde zudem den actiongetriebenen Krimi bremsen, meint Raphael Zehnder: «Philosophische Exkurse, zu denen ich auch religiöse oder theologische Überlegungen zähle, finden in den Kriminalromanen kaum Platz.» Solche Exkurse kämen beim Publikum nicht gut an.
«Normale» Religiosität zu unspektakulär
Die grosse Ausnahme bildet Alfred Bodenheimers Rabbi-Klein-Krimireihe. Sie erhielt 2014 den Zürcher Krimipreis und diente mehrmals als Vorlage für SRF-Hörspiele.
Der jüdische Universitätsprofessor und Autor Alfred Bodenheimer behandelt in seinen Krimis immer eine religionsphilosophische oder ethisch-religiöse Frage. Das Ganze sei zudem spannend erzählt, lobt Raphael Zehnder seinen Autorenkollegen.
Alfred Bodenheimer vermittle auf diese Weise auch Wissen über das jüdische Leben in der Schweiz. Eine authentische Innensicht, wie man sie sonst kaum erleben könne. Bodenheimers intellektuelle Krimis bedienten auch keinen billigen Voyeurismus, sondern echte Neugier, findet Raphael Zehnder: «Gute Bücher wecken Neugier und können sie stillen.»
Aber ansonsten bleibt Religion im Krimi eben entweder klischiert oder marginal. Das ist – neben Säkularisierung und Distanz zur Religion, besonders unter Krimischreibenden – auch genrebedingt. Krimis leben von Extremen: Fanatismus und Geheimnisse bieten Stoff für Verbrechen. «Normale» Religiosität hingegen ist zu unspektakulär. Das bestätigt Literaturwissenschaftlerin Susanne Cappus, die auch Christkatholische Spitalseelsorgerin ist.
Krimis als beste Festtagsunterhaltung
All die Überzeichnungen haben also schlicht auch mit den Erfordernissen der Genres Krimi und Krimikomödie zu tun, insbesondere im TV. Aber: Warum laufen von Weihnachten an bis Neujahr überhaupt so viele Krimis im Fernsehen? Mord und Verbrechen passen doch nicht zum Fest der Liebe und des Friedens. «O doch!», meint Susanne Cappus, «Krimis und Weihnachtsfest passen ausgezeichnet zusammen.»
Die Theologin und Dramaturgin zeigt Parallelen zwischen der Weihnachtsgeschichte und einem Krimi. Beide würden der aristotelischen Struktur von Furcht, Mitleid und Erlösung folgen. «Ein Drama soll Mitleid erregen und Furcht. Und das machen ja beide Geschichten […] Und dann kommt der entscheidende Moment: die Katharsis, die ‹Reinigung›. Der Mörder ist gefasst, das Kind liegt wohlbehalten in der Krippe.»
Weihnachten ist ein Fest der Harmonie. «Und da bricht der Mord herein. Das ist dann der grösstmögliche Kontrast.» Dieser Bruch macht den Krimi zur idealen Festtagsunterhaltung. Sogar unterschwellige Aggressionen aufgrund von Harmoniezwang zum «Fest der Liebe» könnten so abgebaut werden.
Die Klischees gegenüber Kirchenmenschen und Gläubigen bringen weder Beat Föllmi noch Susanne Cappus von ihrer Krimilust ab. Letztere geniesst Krimibücher zur Ent-Spannung: «Was mich fasziniert, ist dieser Moment der Erlösung […] Und das finde ich sehr entspannend nach einem harten Arbeitstag.»
So bleibt der Krimi ein Spiegel gesellschaftlicher Skepsis gegenüber Religion. Zugleich bietet der Krimi Lust am Grusel und Momente von «Erlösung», – frei Haus vom Sofa aus.