Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Religion im Wandel Die religiöse Mitte schwindet – und die Extreme wachsen

Glauben Sie an Gott? Beten Sie regelmässig? Die Antwort auf diese Frage lautet immer öfter Nein. Die Säkularisierung ist in vollem Gang. Doch die Religion verschwindet nicht einfach: Während die moderaten Landeskirchen Mitglieder verlieren, gewinnen fundamentalistische Gemeinschaften an Bedeutung.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 1970 gehörten noch 98 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer einer Landeskirche an, heute sind es noch 56 Prozent. Und selbst diejenigen, die noch Mitglied in der Kirche sind, gehen immer seltener zum Gottesdienst, glauben öfter an eine höhere Macht als an den einen Gott und lassen ihre Kinder immer häufiger nicht taufen.

Was versteht man unter Säkularisierung?

Box aufklappen Box zuklappen

Unter Säkularisierung versteht die Religionssoziologie den Bedeutungsverlust der Religion in modernen Gesellschaften. Gründe dafür sind der wachsende Wohlstand, der Sozialstaat sowie die Individualisierung, die der Religion die Grundlage für ihre Stellung als Stütze der Gesellschaft und des Einzelnen entziehen.

Religion scheint in der Säkularisierungstheorie als vormodernes Phänomen, das durch Aufklärung und Wissenschaft verdrängt wird. Daran gibt es aber auch Kritik: säkular-wissenschaftliches und religiöses Weltverständnis seien keine Gegensätze. Zudem liege der Fokus zu stark auf Europa und dem Christentum.

Nicht betroffen vom Mitgliederverlust sind hingegen evangelikale Freikirchen. Zwar gibt es auch hier Verschiebungen, die einen Gemeinschaften verlieren, die anderen gewinnen dazu. Aber im Schnitt können die Freikirchen ihre Mitglieder halten, auf sehr viel niedrigerem Niveau als die Landeskirchen.

Diesen Trend beobachtet Religionssoziologe Detlef Pollack auch in anderen Ländern: «Betroffen vom Rückgang ist vor allem eine bestimmte Form der Religiosität – und zwar die moderate.» Detlef Pollack hat 30 Jahre Forschungserfahrung. Sein neustes Buch «Religion und Moderne» zeigt auf 600 Seiten, dass die Religion in praktische allen westlichen Ländern an Bedeutung verliert. Allerdings eben vor allem die «Religion der Mitte».

Leuchtendes Kreuz mit dem Schriftzug 'Jesus Saves' vor Backsteinwand.
Legende: Die Botschaft von Jesus lässt Raum für Deutung. Grellere Lesarten sind aktuell besonders gefragt. Getty/Douglas Sacha

Erfolg von Evangelikalen und Pfingstbewegung

Religiöse Gemeinschaften, die dogmatisch bis fundamentalistisch auf dem Wahrheitsanspruch ihrer Überzeugungen bestehen und diese mit einem Heilsversprechen verbinden, haben durchaus Erfolg, beobachtet Detlef Pollack. In Lateinamerika und Afrika etwa boomt die charismatische Pfingstbewegung. In den USA hatten die Evangelikalen wohl noch nie so viel politische Macht wie unter Präsident Donald Trump.

«Wenn nun die moderaten Formen des Christentums an Bedeutung verlieren, dann steigt prozentual der Anteil der fundamentalistischen Gruppierungen», sagt Detlef Pollack. Zudem seien die Fundamentalisten oft besonders sichtbar und beeinflussten somit auch die Wahrnehmung von Religion.

Polarisierung führt zu Konflikten

«Wir leben in kulturell diversen Gesellschaften, die immer stärker polarisiert sind. Das zeigt sich ganz dramatisch auch auf dem religiösen Feld», analysiert der Religionssoziologe. «Wenn die moderaten Kirchen an Bedeutung verlieren, prallen umso stärker die säkularen und die fundamentalistischen Kräfte aufeinander.» Das führe zu Konflikten, denn es fehle an gemeinsamer Sprache und an gemeinsamen Werten. Und auch die Toleranz und das friedliche Zusammenleben, das historisch hart erkämpft werden musste, drohen in dieser Polarisierung unterzugehen.

Die Säkularisierung, die Religionssoziologe Detlef Pollack in Europa und den USA beobachtet, führt also nicht einfach zum Verschwinden der Religion, sondern zu einer Verschiebung. Welche Auswirkungen das Wegbrechen der religiösen Mitte und die Radikalisierung der Ränder haben wird, ist noch nicht abzusehen.

Buchhinweis

Box aufklappen Box zuklappen

Detlef Pollack, Gergely Rosta: «Religion in der Moderne», 3. Auflage, Campus, 2025.

Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven, 4.1.2026, 8:30 Uhr

Meistgelesene Artikel