Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 1970 gehörten noch 98 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer einer Landeskirche an, heute sind es noch 56 Prozent. Und selbst diejenigen, die noch Mitglied in der Kirche sind, gehen immer seltener zum Gottesdienst, glauben öfter an eine höhere Macht als an den einen Gott und lassen ihre Kinder immer häufiger nicht taufen.
Nicht betroffen vom Mitgliederverlust sind hingegen evangelikale Freikirchen. Zwar gibt es auch hier Verschiebungen, die einen Gemeinschaften verlieren, die anderen gewinnen dazu. Aber im Schnitt können die Freikirchen ihre Mitglieder halten, auf sehr viel niedrigerem Niveau als die Landeskirchen.
Diesen Trend beobachtet Religionssoziologe Detlef Pollack auch in anderen Ländern: «Betroffen vom Rückgang ist vor allem eine bestimmte Form der Religiosität – und zwar die moderate.» Detlef Pollack hat 30 Jahre Forschungserfahrung. Sein neustes Buch «Religion und Moderne» zeigt auf 600 Seiten, dass die Religion in praktische allen westlichen Ländern an Bedeutung verliert. Allerdings eben vor allem die «Religion der Mitte».
Erfolg von Evangelikalen und Pfingstbewegung
Religiöse Gemeinschaften, die dogmatisch bis fundamentalistisch auf dem Wahrheitsanspruch ihrer Überzeugungen bestehen und diese mit einem Heilsversprechen verbinden, haben durchaus Erfolg, beobachtet Detlef Pollack. In Lateinamerika und Afrika etwa boomt die charismatische Pfingstbewegung. In den USA hatten die Evangelikalen wohl noch nie so viel politische Macht wie unter Präsident Donald Trump.
«Wenn nun die moderaten Formen des Christentums an Bedeutung verlieren, dann steigt prozentual der Anteil der fundamentalistischen Gruppierungen», sagt Detlef Pollack. Zudem seien die Fundamentalisten oft besonders sichtbar und beeinflussten somit auch die Wahrnehmung von Religion.
Polarisierung führt zu Konflikten
«Wir leben in kulturell diversen Gesellschaften, die immer stärker polarisiert sind. Das zeigt sich ganz dramatisch auch auf dem religiösen Feld», analysiert der Religionssoziologe. «Wenn die moderaten Kirchen an Bedeutung verlieren, prallen umso stärker die säkularen und die fundamentalistischen Kräfte aufeinander.» Das führe zu Konflikten, denn es fehle an gemeinsamer Sprache und an gemeinsamen Werten. Und auch die Toleranz und das friedliche Zusammenleben, das historisch hart erkämpft werden musste, drohen in dieser Polarisierung unterzugehen.
Die Säkularisierung, die Religionssoziologe Detlef Pollack in Europa und den USA beobachtet, führt also nicht einfach zum Verschwinden der Religion, sondern zu einer Verschiebung. Welche Auswirkungen das Wegbrechen der religiösen Mitte und die Radikalisierung der Ränder haben wird, ist noch nicht abzusehen.