Er geisselt Krieg und Superreichtum. Das verschafft Papst Leo Profil. Der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri widerspricht komplett den Erwartungen der US‑Regierung. Von ihr lässt sich der Papst rein gar nichts sagen. Das kommt global gut an.
Innerkirchlich warten die Gläubigen in der Schweiz dagegen ungeduldig auf Reformen: Sie fordern mehr Entscheidungsfreiheit. Der «synodale Weg» – für Machtteilung und Inklusion aller in der Kirche – müsse rascher vorankommen. Das sei «vielleicht die letzte Chance», warnt die Schweizer Katholikin Helena Jeppesen.
Nach einem Jahr im Amt bleibt also noch vieles offen im Profil dieses Papstes. Dank der Auseinandersetzung mit US-Präsident Trump wird Leo XIV. jetzt aber wahrgenommen.
Papst für Notleidende, Kriegsversehrte und Armutsbetroffene
Am Todestag seines Vorgängers Papst Franziskus wiederholt Papst Leo dessen markige Worte: «Diese Wirtschaft tötet» von 2013. Heute sei das noch offensichtlicher. Die Schere zwischen Arm und Reich sei noch weiter auseinandergegangen. Dafür verantwortlich macht der Papst Staatsführer, die nicht dem Gemeinwohl dienten, sondern ihrer privaten Bereicherung.
Auf seiner Reise durch Kamerun, Angola und Äquatorialguinea kritisierte Papst Leo die «Kolonisierung von Öl- und Mineralvorkommen». Dies geschehe «ohne Rücksicht auf das Völkerrecht und das Selbstbestimmungsrecht der Völker.» In dem Zusammenhang unterstreicht er die Wichtigkeit von kritischem Journalismus, Bildung und unabhängiger Wissenschaft. Es brauche Forschung und Wissen für sozialen Fortschritt und Umweltschutz.
Seine erste Enzyklika, ein päpstliches Weltrundschreiben, wird Mitte Mai erwartet und wird von Menschlichkeit und Gerechtigkeit im KI-Zeitalter handeln.
Eine Frage der Moral
Wie nebenbei erklärte Papst Leo jüngst im Flugzeug nach Rom, dass für ihn Moral nicht nur eine Frage der Sexualmoral ist. Als unmoralisch und verwerflich anzuprangern seien aktuell vor allem die Kriege und die krasse ökonomische Ungleichheit auf der Welt.
Bildstark besucht Papst Leo XIV. kirchliche Heime für Betagte, Waisen oder psychisch Kranke, besucht Menschen im Gefängnis. Das ist mehr als Symbolik: Der Papst zeigt damit, was christliches Handeln ist. Nämlich sozial engagiert und gewaltfrei. Damit kritisiert er umgekehrt jene, die – ausgerechnet mit der Bibel in der Hand – Krieg, Diskriminierung und Ausbeutung rechtfertigen wollen.
Tatsächlich lässt die Kritik Papst Leos direkt an die aktuelle US-Regierung denken. Seine Worte sind aber grundsätzlich gemeint.
Innerkirchlich vorankommen
Innerkirchlich wiederum kann sich der Papst nicht mehr viel Zeit nehmen, um in Fahrt zu kommen. Er müsse endlich Kardinäle ernennen, die den Machtmissbrauch durch Kleriker, die sexualisierte Gewalt durch Priester und den spirituellen Missbrauch ernst nehmen und bekämpfen, fordert Theologieprofessor Gregor Maria Hoff von der Uni Salzburg.
Jetzt müssten so viele Frauen wie möglich in die Kirchenleitung berufen werden – in Rom ebenso wie in der Schweiz, fordert Helena Jeppesen. Sie erlebte Papst Leo mehrfach an den kirchlichen Weltversammlungen in Rom. Da zeigte sich Leo als einer, der wirklich zuhört. Das lässt sie hoffen.