Seine gut zehntägige Afrikareise führte Papst Leo XIV. von Algerien, über Kamerun und Angola bis nach Äquatorialguinea. Überall klagte er Ungleichheit und Gewalt an. Eine der Hauptursachen von Kriegen liege in der «Kolonisierung von Öl- und Mineralvorkommen». Dies geschehe «ohne Rücksicht auf das Völkerrecht und das Selbstbestimmungsrecht der Völker». SRF-Religionsexpertin Judith Wipfler hat die Papstreise genauer verfolgt.
Welche Botschaft bleibt von der Afrikareise des Papstes hängen?
Am vorletzten Tag seiner Afrikareise rief er die Christinnen und Christen in Äquatorialguinea auf, sich für politische und soziale Veränderungen einzusetzen. Papst Leo ermutigt zur Selbstermächtigung, zu Bildung und Ausbildung, zu sozialer Arbeit, und zwar, um sich gegen weitere Ausbeutung zu wehren. Denn: Die Ungleichheit werde im digitalen Tech-Zeitalter nicht kleiner, sondern noch grösser. Ein klarer Hieb gegen Superreiche und die Selbstbedienungsmentalität mancher Herrschender.
Wie kamen kritische Äusserungen des Papstes gegenüber Staatschefs vor Ort an?
Die Oberhäupter wollten sich eigentlich im Glanze eines Papstbesuchs sonnen und den Jubel der vielen Tausend Menschen einheimsen. So auch in Äquatorialguinea. Seit bald 50 Jahren herrscht dort Diktator Teodoro Obiang: Dieser sass auf seinem goldenen Sessel nebst Gattin, während der Papst in einer langen Rede die soziale Ungleichheit im Land anprangerte, die Kleptokratie und die Umweltzerstörung in dem Erdölland.
In einer von Machtmissbrauch verwundeten Welt hungern und dürsten die Völker nach Gerechtigkeit.
Papst Leo ermutigte die Menschen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Ihr Land selbst aktiv zu gestalten. Mal schauen, ob das eine sanfte Revolution auslöst in Äquatorialguinea. 90 Prozent der Menschen dort sind römisch-katholisch.
Wie wichtig ist Afrika für die römisch-katholische Kirche?
In Afrika leben mittlerweile mehr Christinnen und Christen als in Europa. Tatsächlich sehen nicht nur Wirtschaftsunternehmen das Potenzial, das in Afrika schlummert. Die Ausbeutung des Kontinents, seiner Rohstoffe und Menschen, ist genau das, was Papst Leo kritisiert. Dem entgegen hält er das Evangelium als Heilsversprechen, das aber auch verpflichte: nämlich zu Engagement für Menschenwürde, Frieden und Gemeinwohl. Aber natürlich: Afrika ist auch als Terrain der römisch-katholischen Kirche zu verteidigen, etwa gegen neupfingstlerische Wohlstandsprediger. Diese haben dort viel Zulauf. Papst Leo jedenfalls hat Afrika auf seinen Platz 1 gesetzt.
Wurde das Thema sexueller Missbrauch angesprochen?
Auf dieser Reise kaum. Wenngleich seine Null-Toleranz-Haltung bekannt ist. In Peru hat er als Ortsbischof überzeugend durchgegriffen. Wir wissen aber nicht, was er mit all den afrikanischen Bischöfen besprochen hat, die er in diesen vier Ländern traf. Hinter verschlossenen Türen wird es um die gravierenden innerkirchlichen Probleme gegangen sein. Auch um Machtmissbrauch. Laut und öffentlich rief Papst Leo aber mehrfach zu Nichtdiskriminierung und Gewaltlosigkeit auf: Die Würde jedes Menschen sei zu bewahren, das sei urchristliche Pflicht, egal welche Herkunft, welches Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung ein Mensch hat. Das heisst schon etwas in Regionen, wo Frauen als Hexen ausgegrenzt und Homosexuelle verfolgt werden.
Wie hat sich der Papst auf dieser Reise profiliert?
«Gut gebrüllt» hat er, der «Löwe» Leo. Er zeigt sich als einer, der nur Gott fürchtet, und darum keine Angst hat vor den Reichen und Mächtigen dieser Welt. Ich nenne ihn ab jetzt den «Gemeinwohl-Papst».