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Dürfen wir hierzulande Mumien ausstellen?
Aus Kultur-Aktualität vom 18.11.2022. Bild: Keystone / Gian Ehrenzeller
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Rückführung von Schepenese «Wir können Mumien ausstellen, solange es Ägypten nicht stört»

Milo Rau hat den St. Galler Kulturpreis erhalten – und will das Geld nutzen, um die Mumie der St. Galler Stiftsbibliothek zurück nach Ägypten zu bringen.

Zurzeit mache das keinen Sinn, entgegnet Wiebke Ahrndt. Die Ethnologin und Präsidentin des Deutschen Museumsbundes hat einen Leitfaden zum «Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen» verfasst.

Wiebke Ahrndt

Wiebke Ahrndt

Ethnologin und Museumsdirektorin

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Die Ethnologin ist Honorarprofessorin an der Universität Bremen im Bereich Kulturwissenschaften. Sie leitet seit 2002 das Übersee-Museum Bremen und ist seit 2022 Präsidentin des Deutschen Museumsbundes.

Wiebke Ahrndt hat den Leitfaden «Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen» mitverfasst.

SRF: Ist es sinnvoll, eine Mumie in ihre ehemalige Heimat zurückzuführen?

Wiebke Ahrndt: Nein, zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Es ist von ägyptischer Seite auch nicht gewünscht. Deshalb gibt es auch auf europäischer Seite keine Veranlassung, das zu forcieren.

Die «Aargauer Zeitung» hat bereits in Ägypten nachgefragt. Und da schüttelt man den Kopf: Man wolle diese Mumie gar nicht.

Das kann ich nachvollziehen. Es sind eine ganze Reihe Mumien in Ägypten im Museum ausgestellt und der Export war bis 1983 legal.

Legitimiert das aus heutiger Sicht, wie wir damit umgehen? Können wir die Mumien weiterhin ausstellen?

Mumien ausstellen können wir bei uns, wenn wir einen würdevollen Weg finden, es zu tun. Und solange das im Herkunftsland auch getan wird und sich nicht daran gestört wird.

Wir Lebenden müssen für die Menschenwürde der Verstorbenen sorgen.

Das sollte uns gerade in kolonialen Kontexten eine Leitlinie sein: Zu schauen, wie im Herkunftsland eigentlich damit umgegangen wird.

Wir sprechen nicht erst seit gestern über menschliche Überreste in Museen. Kann eine Menschenwürde – darum geht es ja auch bei Mumien – verjähren?

Nein, das kann sie nicht. Wir heute Lebenden müssen für die Menschenwürde der Verstorbenen sorgen. Es spielt keine Rolle, wann jemand verstorben ist. Es ist ein Mensch, mit dem wir es da zu tun haben. Und da stehen wir in der Verantwortung.

Wie kann man die Menschenwürde wahren, wenn man eine Mumie ausstellt?

Indem man das nicht reisserisch tut. Indem man sich bemüht, eine Situation herzustellen, die würdevoll ist und die Menschen innehalten lässt, die dort herantreten. Indem wir eine Situation schaffen, die eine gewisse Form der Andacht in die Raumatmosphäre hineinbringt.

Sie schreiben im Leitfaden, eine Mumie darf dann gezeigt werden, wenn es ohne sie nicht geht. Welche Geschichten kann man denn nicht ohne Mumie erzählen?

Was nicht geht, ist eine Mumie zu zeigen, ohne eine Geschichte zu erzählen. Interessant wird es etwa, wenn sie in Papyri eingepackt ist. Mithilfe von Computertomografie-Bildern kann man zeigen, was sich in einem solchen Mumienbündel befindet.

Die Schaulust alleine kann die Ausstellung nicht legitimieren.

Ich muss die Mumie dazu im Museum nicht auswickeln, sondern kann sie als Ganzes verpackt zeigen und zum Beispiel darauf eingehen, was ich eigentlich auf den Papyri sehe und was es für Schmuckelemente darauf gibt.

Und wenn diese, wie im Fall der Mumie in der Stiftsbibliothek St. Gallen, schon ausgewickelt ist? Soll man sie wieder einwickeln?

Das geht nicht. Im 19. Jahrhundert hat man oft ganze Partys gefeiert, wo man Mumien ausgewickelt hat. Nicht nur hier in Europa, auch in Ägypten. Das lässt sich nicht mehr rückgängig machen.

vorne aufgebahrt eine Mumie im gläsernen Sarg, halb bedeckt. Hinten aufgestellt Sarkophage mit Mustern und Hyroglyphen.
Legende: Schepenese soll die Tochter eines Amunpriesters in Theben gewesen sein. Amun wurde in Ägypten als Fruchtbarkeits-, Wind- und Sonnengott verehrt. Keystone / GIAN EHRENZELLER

In der Stiftsbibliothek St. Gallen ist besagte Mumie ein Besuchermagnet. Legitimiert das, sie auszustellen?

Die Schaulust allein kann das nicht legitimieren. Einen gewissen morbiden Charme zu befriedigen, ist nicht Aufgabe eines Museums. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass wir eine seriöse Geschichte zu erzählen haben.

Es ist aber auch so, dass das Interesse des Menschen am Menschen ungebrochen sehr gross ist. Deshalb erfreuen sich archäologische Funde immer sehr grossen Interesses.

Das Gespräch führte Noëmi Gradwohl.

SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 18.11.2022, 7:06 Uhr.;

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