Flüchtlingsroute Mittelmeer Schleppernetzwerke und ihre Hintermänner

Schwimmwesten bitte selbst mitbringen! Wer sind die Menschen, die aus der Not von Flüchtlingen ein Geschäft machen? Auf Spurensuche am Einfallstor zu Europa.

Flüchtlinge in der Wüste, im Vordergrund ein blaues Zelt, in dem Menschen liegen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ghadhafis Gastarbeiter: 2011 aus Libyen geflohen und im Lager Choucha in Südtunesien gestrandet. SRF/Beat Stauffer

Das Wichtigste in Kürze

  • 2016 sind 180’000 Menschen von Libyens Westküste Richtung Italien ausgereist – viele mithilfe von Schleppern.
  • Schleppernetzwerke stellen nicht nur für Europa ein grosses Problem dar, sondern auch für die Maghreb-Staaten.
  • Dank ihrer grossen finanziellen Mittel gewinnen Schleppernetzwerke an politischem Einfluss und gefährden den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft.
Ein rostiges Boot liegt vertäut in einem Hafen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Boot der libyschen Küstenwache im Stützpunkt Misrata. SRF/Beat Stauffer

8 Stunden, 300 Menschen

«Der Preis beträgt 1000 Dollar, Kinder kosten die Hälfte.» Ein Telefongespräch mit einem Schlepper aus der Region von Tripolis: Geführt hat es ein Journalist des Senders France 24. Er erkundigte sich im Auftrag eines Freundes nach Bedingungen und Preisen für eine Überfahrt nach Italien.

«Die Reise beginnt in der Stadt Zuara, rund 120 Kilometer von Tripolis entfernt und nicht weit von der tunesisch-libyschen Grenze», sagt der Schlepper am Telefon weiter.

«Die Überfahrt dauert etwa 8 Stunden. Das Boot ist mit Satellitentelefon, mit einem Navigationsgerät und einem Kompass ausgerüstet. Auf dem Boot von 26 Metern Länge haben rund 500 Menschen Platz. Doch wir transportieren aus Sicherheitsgründen bloss 300.»

30 Euro für eine Schwimmweste

Der Schlepper sagt dem französischen Journalisten, dass der ausreisewillige Kandidat ein paar Tage in Zuara warten müsse, bevor die Fahrt beginne. Er könne sich in Zuara ein kleines Hotel suchen oder gegen Entgelt bei einer Familie unterbringen lassen. Schwimmwesten gebe es auf dem Boot keine. Für 30 Euro lasse sich aber problemlos eine Weste kaufen.

Flüchtlinge ziehen ihre Rollkoffer durch den Sand Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zwischenhalt: Flüchtlinge aus Libyen im Lager Choucha (Tunesien), März 2011. SRF/Beat Stauffer

Der Schlepper erklärt am Telefon auch, was bei der Ankunft in Lampedusa ablaufen werde. Und wie sich ein Ausreisewilliger zu verhalten habe, um möglichst rasch in Richtung Norden weiterreisen zu können.

Hotspot der Migranten

Zuara ist einer der Hotspots der klandestinen, irregulären Migration an der Westküste Libyens. Andere Orte sind Sabratha, Garabulli und Zaouia. 2016 sind von diesen Orten nach Angaben des UNO-Hilfswerks für Flüchtlinge (UNHCR) mehr als 180’000 Menschen in Richtung Italien ausgereist; in den ersten drei Monaten des Jahres 2017 waren es rund 24’400 Personen.

In der südtunesischen Stadt Sfax treffen wir in einem Café einen jungen Mann, dessen bester Freund als Kapitän für einen Schlepper in der libyschen Stadt Sabratha arbeitet.

Der Gehilfe des Schleppers

Khalifa weiss, was er macht, sagt der junge Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Der 38-Jährige sei früher als Matrose legal nach Italien gefahren und mache das jetzt eben im Auftrag eines Schleppers. Von Lampedusa oder Sizilien fahre Khalifa stets wieder zurück, wenn er die Migranten hingebracht habe.

Ein bärtiger Mann mit Zigarette, dessen Augen verpixelt sind. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gestatten, Khalifa: Kapitän im Auftrag eines libyschen Schleppers SRF/Beat Stauffer

Wenn es auf dem Schiff Probleme gebe, würden ab und zu auch Menschen über Bord geworfen, berichtet der junge Mann.

Die Arbeit sei sehr belastend. Aber sein Freund Khalifa habe keine andere Wahl, als in Libyen irgendeine Arbeit anzunehmen. Und sei es als Gehilfe eines Schleppers.

Die Drahtzieher

Doch wer steht hinter diesem Schleppernetzwerk? Khalifa sage, der Besitzer all der Boote und der eigentliche Chef sei Abdelhakim Belhadsch. Er habe Belhadsch selber zwar nie getroffen, doch es sei ein offenes Geheimnis, dass Belhadsch hinter den Kulissen die Fäden ziehe.

Belhadsch war der Gründer der libyschen Islamischen Kampfgruppe, die sich später der Kaida im Maghreb angeschlossen hat. Während der libyschen Revolution war Belhadsch Militärkommandant von Tripolis.

Seit ein paar Jahren mischt er in der libyschen Politik mit. Er gilt auch als Verbündeter der islamistischen Partei Ennahda. Belhadsch, so erklärt der junge Mann, sei aber auch einer der engsten Freunde eines schwerreichen Unternehmers aus Sfax, von dem gemunkelt werde, sein Geld stamme aus unsauberen Geschäften.

«Dieser Mann heisst Chafik Scherraia. Er ist ein schwerreicher Geschäftsmann. In Tunesien weiss jedes Kind, dass Scherraia eng mit Abdelhakim Belhadsch befreundet ist, dem ehemaligen Militärkommandanten von Tripolis, und dass die beiden zusammenarbeiten.»

Mafiöser Menschenschmuggel

Schleppernetzwerke, die ungehindert zehntausende von Migranten nach Italien schleusen, stellen nicht nur für Europa, sondern auch für Tunesien und die anderen Maghrebstaaten ein grosses Problem dar.

Diese mafiösen Organisationen, die neben Menschen auch Waffen, Drogen und andere Güter schmuggeln, unterminieren zum einen die innere Sicherheit dieser Länder. Zum andern nehmen sie dank ihrer gewaltigen finanziellen Mittel zunehmend Einfluss auf die Politik und gefährden so den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft.

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