Eine möglichst positive Geburt, das wünschen sich wohl alle Paare – auch Myriam Wawrla und ihr Partner. Als sie vor zwei Jahren ihren Sohn erwarteten, holten sie sich deshalb Unterstützung von einer Doula. Gemeinsam besprachen sie Vorstellungen und Wünsche. Die Doula informierte, zeigte auf, welche Wahlmöglichkeiten das Paar hatte, etwa bei Schmerzmitteln, Eingriffen, aber auch bei der Kommunikation.
«Die Doula hat mich sehr unterstützt in meiner Selbstbestimmung», erinnert sich Myriam Wawrla. Und sie habe dem Partner einen neuen Zugang zur Geburt ermöglicht. Eine Doula zu engagieren sei «eine feministische Entscheidung» gewesen.
Doulas sind in der Deutschschweiz ein relativ neues Phänomen, aufgekommen in den letzten zehn bis zwanzig Jahren. Sie sehen sich als «Freundin auf Zeit», als mentale Unterstützerinnen, die sich ganz auf die Frauen konzentrieren können.
«Immer mehr Frauen entscheiden sich für das Engagement einer Doula», schreibt Religionswissenschaftlerin Jill Marxer in ihrer vor Kurzem publizierten Doktorarbeit. Darauf deuteten die Ausbildungsangebote hin, die in letzter Zeit zugenommen hätten.
Die Bandbreite ist gross – vom Mama-Yoga über das Erlernen von Atem- und Entspannungstechniken, Rituale zur Vorbereitung oder Verarbeitung der Geburt bis hin zur Wochenbettbetreuung – Wohnungsputz inklusive.
Gebären als spirituelles Erlebnis?
Als Religionswissenschaftlerin interessierte Jill Marxer auch der religiöse und spirituelle Aspekt der Doula-Arbeit – die Geburt als «liminale Phase», als Übergang ins Leben. Die Geburt als spirituelles Ereignis findet sich auch im Selbstverständnis der Doulas. Marxer zitiert in ihrer Doktorarbeit etwa zwei Doulas wie folgt: Sabine spricht von einem «heiligen Raum», einer «heiligen Stimmung». Und Janina sieht Schwangerschaft und Geburt als etwas «Mystisches».
«Alternativ-religiöse Doulas und ihre Klientinnen verweisen oftmals auf ein ‹weibliches Wissen›, das Frauen in sich tragen, und sprechen sich häufig für eine ‹Natürlichkeit› des Gebärens aus», analysiert Marxer. Und das kommt nicht von ungefähr.
Feministische Rückeroberung der Geburt
«Es gab eine Zeit in der Geburtshilfe, als Frauen zugedröhnt wurden mit Medikamenten und die Geburt kaum mitgekriegt haben», sagt die Religionswissenschaftlerin und deutet dies als klaren Machtmissbrauch der Ärzte. Das moderne Doula-Wesen entstand aus der Gegenbewegung gegen diese zu starke Medikalisierung der Geburt.
Das Angebot, sich von einer Doula begleiten und aufklären zu lassen, sei für sie quasi eine feministische Rückeroberung der Geburt: «Die Idee dahinter ist: Wir holen uns die Fähigkeit zurück, zu gebären. Es liegt in unserem Körper. Es ist eine natürliche Sache, und wir brauchen dazu keine medizinische Hilfe.»
Viel Unsicherheit bei werdenden Eltern
«Die Unsicherheit der Paare bei der Geburt nimmt zu», bestätigt auch Nathalie Colling, leitende Hebamme im Stadtspital Zürich Triemli, wo jährlich rund 3000 Kinder zur Welt kommen. «Die Eltern sind oft überinformiert, haben hohe Erwartungen und klare Wünsche.»
Gleichzeitig werde die Kompetenz der Expertinnen vor Ort manchmal infrage gestellt. «Die Vorstellungen der Eltern prallen dann mit der Realität der Geburt zusammen, in der nicht alles leistbar ist. Diese Realität anzunehmen, fällt den Paaren manchmal schwer.»
Doulas können beim Vermitteln der Wünsche der Eltern helfen. Gleichzeitig kann es dabei auch zu Konflikten mit Hebammen und Gynäkologinnen kommen. Doulas und Hebammen stehen in einem gewissen Konkurrenzverhältnis, denn auch Hebammen sehen die emotionale Unterstützung der Frauen als ihre Aufgabe.
Kritik durch den Hebammenverband
Andrea Weber, Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbandes, kritisiert zudem, dass die beiden Berufsgruppen sehr unterschiedlich stark reguliert seien: «Hebammen arbeiten in einem streng geregelten Berufsfeld. Für Doulas gibt es hingegen kaum Vorgaben.»
Dass einige Frauen Unterstützung suchten bei Doulas, deutet Andrea Weber als Zeichen dafür, dass es Lücken im System gebe. Etwa, wenn im Spital eine Hebamme mehrere Gebärende betreut und die Eltern sich so allein gelassen fühlen. Ihr Rezept dagegen sind aber nicht Doulas, sondern eine bessere Finanzierung der Versorgung durch Hebammen.
Kulturelle Vermittlerin für jüdisch-orthodoxe Frauen
In der Praxis scheint die Zusammenarbeit in vielen Fällen aber gut zu klappen. Chefhebamme Nathalie Colling betont, dass die Doulas wertvolle Arbeit leisten. Und auch Rebecca Spielman spricht von konstruktiver Kooperation. Etwa 300 Geburten habe sie als Doula schon begleitet.
Sie selbst hat 13 Kinder und 40 Enkel. Doula zu sein, ist für sie eine Berufung. Ein Dienst an der Gemeinschaft – und an Gott. «Wir sagen, Gott allein hat den Schlüssel zu der Geburt. Man fühlt seine Präsenz. Und man spürt, das ist etwas Spezielles.»
Rebecca Spielman unterstützt ihre Klientinnen während der Schwangerschaft, beantwortet Fragen, klärt auf, wenn Unsicherheiten bestehen. Im Spital steht sie ihnen bei, mit ihrem Wissen, mit Massagen, mit koscheren Snacks. Und als kulturelle Vermittlerin.
Sie erklärt dem Gesundheitspersonal etwa, weshalb ein jüdisch-orthodoxer Mann bei der Geburt nicht am Gebärstuhl steht, sondern im Nebenraum betet. Weshalb es wichtig ist, dass die Frau bei der Geburt bedeckt bleibt. Eine Vermittlung, die das Stadtspital Triemli, wo viele jüdisch-orthodoxe Kinder der Schweiz zur Welt kommen, sehr schätzt.
Religionswissenschaftlerin Jill Marxer bezeichnet die Arbeit von Doula Rebecca Spielman als «religiöse Arbeit», die in ihrer Gemeinschaft viel Anerkennung erhalte. Wie ihre säkularen Kolleginnen bezieht sie sich auf jahrhundertealtes weibliches Wissen.
«Doulas betonen, dass werdende Mütter bei der Geburt stets von erfahrenen Frauen begleitet wurden.» Mit der Medikalisierung sei dieser soziale Aspekt der Geburt verloren gegangen. Doulas versuchen nun, ihn – als Dienstleistung – zurückzubringen.