«Ich habe gehört, wie der Bomber angeflogen kam, bekam Angst und versteckte mich unter der Kellertreppe.» Der pensionierte Hochbauzeichner Oskar Rickenbacher erinnert sich heute noch an den 16. März 1944, als ein havarierter US-Flieger auf dem Zugersee landete.
Es war einer der 166 US-amerikanischen Flieger, die während des Zweiten Weltkriegs von der deutschen oder Schweizer Luftabwehr angeschossen wurden und hier notlanden mussten.
Oskar Rickenbacher war damals viereinhalb Jahre alt und rannte mit anderen Schaulustigen zum See: «Der Pilot stieg aus dem Fenster und sprang auf die Tragfläche. Und da sah er schon, dass Ruderboote kamen, die ihn an Land bringen würden.» Der Pilot wurde gerettet. Die Besatzung war zuvor mit Fallschirmen abgesprungen.
Kriegspartei auf neutralem Boden
Auch die Maschine des US-amerikanischen Bordingenieurs Dan Culler wurde von der deutschen Luftabwehr angeschossen. Der 20-Jährige aus Indiana hatte zuvor schon 24 Einsätze über Deutschland geflogen, als sein Flugzeug im März 1944 getroffen wurde, ausweichen musste und schliesslich im Militärflughafen Dübendorf aufsetzte.
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Bild 1 von 3. Vor dem Einsatz: Gruppenbild der Crew vor ihrem Flugzeug, der B-24 «Mary Harriet». Bildquelle: Jim Hewlett’s Wartime Log.
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Bild 2 von 3. Die B-24 «Georgia Peach» nach der Notlandung in Altenrhein, 11. Juli 1944. Bildquelle: Schweizerisches Bundesarchiv.
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Bild 3 von 3. Auf dem Flugplatz Dübendorf sind internierte Bomber der US-amerikanischen Luftwaffe zu sehen, von denen die meisten nach Notlandungen in der Schweiz gelandet waren. (Aufnahme ca. 1944). Bildquelle: Gemeinfrei.
Die 1511 US-Amerikaner, die hier landeten, wurden als Angehörige einer kriegführenden Partei interniert und vom Militär bewacht. Als neutraler Staat war die Schweiz nach einem internationalen Abkommen verpflichtet, sie daran zu hindern, zu ihren Truppen zurückzukehren.
Interniert im Kurort
Während des Zweiten Weltkriegs wurden hierzulande 105'000 Angehörige kriegführender Armeen interniert. Bei den US-Amerikanern handelte es sich um Unteroffiziere und Offiziere. Wegen ihrer hohen Dienstgrade wurden sie bevorzugt behandelt. Im Gegensatz zu Soldaten mussten sie nicht arbeiten.
Das Eidgenössische Kommissariat für Internierung und Hospitalisierung liess die US-Unteroffiziere nach Adelboden und Wengen, die Offiziere nach Davos bringen. Sie wurden in Hotels untergebracht und logierten im Doppelzimmer. Damit war auch gleich der kriegsbedingte Ausfall an Feriengästen kompensiert. Die Rechnung ging nach Washington.
Legendäre Partys – und Langeweile
Die US-Internierten hatten viel Zeit. Sie gingen spazieren und schwimmen, lernten das Jassen und Skifahren. Manche traten in einer Band auf. Im SRF-Dokumentarfilm «Helden vom Himmel» (1993) erinnerte sich Ladenbetreiberin Kathrin Oesterle an aufregende Tanzpartys im Hotel Nevada in Adelboden.
Doch trotz diesen Vergnügungen machten sich bei vielen Internierten Langeweile und Heimweh breit. Je erfolgreicher die US-Armee operierte, desto mehr fühlten sie sich als nutzlose Kurgäste.
Die Stimmung sei irgendwann gekippt, so Kathrin Oesterle: «Wenn ich am Morgen den Laden öffnete, kam es vor, dass ich einen Zettel mit Abschiedsworten fand. Darauf stand: «Good Bye Katie, I’m off.»
Fluchtversuche endeten im Straflager
Auch Bordingenieur Dan Culler fühlte sich schlecht, wie er 1995 im Schweizer Fernsehen erzählte: «Ich hielt es für meine Pflicht, zu meinen Einheiten zurückzukehren.» Im Mai 1944 versuchte er von Bellinzona aus nach Italien zu gelangen, um sich den US-Truppen anzuschliessen. Allerdings hatte er zu wenig Proviant und keine Landkarte dabei. Er verirrte sich und musste umkehren.
US-Internierte konnten auf ein Fluchtnetz im Untergrund zählen, hält der Historiker Jürg Flückiger in seinem neuen Buch fest. Es trägt den Titel «Gefangene Befreier. Eine fast vergessene Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg»: «Beteiligt waren Schweizer Offiziere, Rechtsanwälte, Taxifahrer, Hausfrauen, Mechaniker und Kellnerinnen, Leute aus allen Schichten und Berufsgruppen.»
Auch die US-Botschaft in Bern, der Generalkonsul in Zürich, der amerikanische Friedhof in Münsingen und die französische Résistance halfen mit, Internierte ins befreite Frankreich zu schleusen.
Das Straflager Wauwilermoos
Von den 1511 US-Internierten unternahm mehr als die Hälfte einen Fluchtversuch, 187 von ihnen scheiterten dabei. Die Schweiz betrachtete dies als Verstoss gegen die Neutralität. Wer erwischt wurde, kam deshalb vor das Militärgericht und wurde inhaftiert.
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Bild 1 von 3. Das Internierungslager Wauwilermoos bei Egolzwil-Wauwil im Kanton Luzern zeigt den Eingangsbereich mit Wachposten der Schweizer Armee, vermutlich im Jahr 1944. Bildquelle: Gemeinfrei.
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Bild 2 von 3. Das Lager aus der Vogelperspektive. Bildquelle: Gemeinfrei.
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Bild 3 von 3. Die verschneiten Baracken im Lager – meist unbeheizt. Bildquelle: Gemeinfrei.
Unter ihnen war Dan Culler. Er wurde ins luzernische Straflager Wauwilermoos gebracht, hinter Stacheldraht eingesperrt und von bewaffneten Soldaten und Hunden bewacht.
Gewaltexzesse
Die Verhältnisse dort waren katastrophal. Dies stellte der Luzerner Historiker, spätere CVP-Generalsekretär und heutige Politikberater Hilmar Gernet 1995 in einem Bericht über Verbrechen und Leiden im Straflager Wauwilermoos fest.
Das Essen war karg, Rotkreuzpakete wurden den Insassen vorenthalten, ihre Briefe nie abgeschickt. Sie schliefen in ungeheizten Baracken auf Pritschen und feuchtem Stroh.
Dan Culler wurde dort Opfer massiver Gewalt: «Sie stiessen mich immer wieder in die Abortrinne. Als sie mich ins Gesicht schlugen, schauten sie, wie lange es dauern würde, bis ich ohnmächtig würde. Und dann vergewaltigten sie mich.» Am 26. September 1944 gelang ihm die Flucht. Er trug ein lebenslanges Trauma davon.
Korrupter Kommandant
Geleitet wurde das Straflager vom Kommandanten André Béguin. Der Historiker Peter Kamber wies 1993 auf die braune Vergangenheit von Béguin hin, der 1937 eine führende Position im faschistischen Front National übernommen hatte. Ein Jahr später arbeitete er in einem Unternehmen in München und unterschrieb seine Korrespondenz mit «Heil Hitler!».
Nach seiner Rückkehr 1939 in die Schweiz beauftragte ihn die Armee mit der Leitung des Straflagers Wauwilermoos. Obwohl es früh Kritik und Klagen über die dortigen Missstände gab, wurde Béguin erst Ende Juli 1945 suspendiert.
Béguin kam schliesslich vor Gericht. Am 20. Februar 1946 wurde er zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Allerdings nicht wegen der schlechten Versorgung und den Misshandlungen der Internierten, sondern wegen Betrug, Bestechung, Unterschriftenfälschung und Ungehorsam.
Fehlende Aufarbeitung
Was im Wauwilermoos passierte, hatte ein halbes Jahrhundert später ein politisches Nachspiel. Dan Culler schilderte in den USA in einem Buch, was ihm dort widerfahren ist. Darauf wurde er 1995 zusammen mit seiner Frau vom damaligen Bundespräsidenten Kaspar Villiger zu einem Treffen nach Bern eingeladen: «Er bat mich und Betty auf einen Balkon des Bundeshauses. Und dort sagt er mir: ‹Ich möchte Ihnen sagen, wie leid es mir tut, dass Ihnen all dies widerfahren ist›.»
Trotz dieser Anteilnahme bleiben bis heute Fragen offen: Etwa jene, die US-Major Dwight Mears im Film von Daniel Wyss 2015 aufwirft: Warum wurde die Genfer Konvention für Kriegsgefangene in der Schweiz nicht eingehalten?
Unklar bleibt auch, warum die Geschichte des Straflagers Wauwilermoos in der Luzerner Kantonsgeschichte bis heute ausgeblendet wird.