Wer hoch hinaus will, kann böse fallen. Das wissen wir von Ikarus. Alex Honnold will immer hoch hinaus. Der US-Amerikaner ist weltbekannt als Free-Solo-Kletterer. Für nicht Fachkundige heisst das: Er klettert ohne Seil oder sonstige Sicherung.
Einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist sein Free-Solo-Projekt 2017 am El Capitan im Yosemite Park. 900 Meter kletterte er hoch an der glatten, steilen Wand. Ein Filmteam fing das waghalsige Unterfangen ein. Der Film «Free Solo» gewann 2019 einen Oscar.
Gewagt ist auch sein neuestes Projekt. Am 24. Januar um 2 Uhr morgens unserer Zeit wird Alex Honnold versuchen, den Taipei 101 – einen 508 Meter hohen Wolkenkratzer – seilfrei zu erklimmen. Allein – vor Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauern.
Geht Netflix zu weit?
Medien- und Sportwissenschaftler Thomas Horky wird aus Zeitgründen nicht live dabei sein. Er sagt aber auch: «Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich in eine Todesrisiko-Situation begeben, halte ich persönlich für ethisch nicht vertretbar.» Aus Sicht des Wissenschaftlers findet er das Event aber spannend.
Dass Honnold das Hochhaus erklimmen will, hält er aber nicht für grundsätzlich verantwortungslos: «Andere Menschen fahren sehr schnell auf Autobahnen und gehen ein Risiko ein.» Der Mensch, der Sportler Honnold, sei «selbst für sich verantwortlich. Es ist sein Wille.»
Mehr Nervenkitzel
Horky sieht klar kritisch, dass Netflix den Event live überträgt. Aus der Reihe tanze der Streaming-Anbieter damit nicht. Netflix treibe lediglich auf die Spitze, was sich in der Sportberichterstattung schon seit den 1970er-Jahren zeige: Dass Drama, der Nervenkitzel immer mehr zähle. «Hier warten wir aber quasi darauf, dass Honnold abstürzt.»
Warum Menschen da einschalten? «In der Sportsoziologie weiss man aus Studien, dass in einer langweiligen Welt, wo viele nur am Schreibtisch sitzen, solche Events einen kurzen Ausstieg versprechen.»
Auch SRF zeigte 1999 live, wie ein Bergführer-Gruppe die Eiger-Nordwand bestieg. Bis zu 80 Millionen Menschen schalteten ein. Das Projekt entstand unter strengen Sicherheitsbedingungen. Sicherheit gibt es bei der Netflix-Übertragung nicht.
Veränderung des Klettersports
Die Kletterszene zeigt sich zu «Skyscraper Live» gespalten. Während einige Honnold für den Mut bewundern, äussern andere Sorge zum riskanten Projekt. Wieder andere halten das Projekt für keine Kletter-Kunst. Sondern für einen PR-Stunt, eine reine Performance.
Der Klettersport, so Horky, habe sich verändert seit den Olympischen Spielen in Tokio 2020: «Seit das Klettern olympisch ist, ist es zu einer Überbietungssport geworden. Und weil der olympische Sport natürlich vor allem ein Fernsehsport ist, werden Formen des Kletterns eingeführt, die am TV gut aussehen.» Die Inszenierung ist Teil des Kletterns geworden. Wie die Extreme. Das sorgt für Kritik.
Honnold sagt, er wolle den Taipei 101 erklimmen, weil es «Spass macht». Die Zuschauer sind zweitrangig: «Mein Leben steht auf dem Spiel. Ich kümmere mich nicht darum, wer zuschaut. Ich will mein Ding durchziehen – und zwar gut.» Bleibt zu hoffen, dass alles gut geht.