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«Skyscraper Live» auf Netflix Ein Fehltritt kann das Ende bedeuten: Spielt Netflix mit dem Tod?

Netflix überträgt am 24. Januar live, wie der Kletterer Alex Honnold den Wolkenkratzer Taipei 101 erklimmt. Ungesichert. Honnold könnte sterben – vor laufenden Kameras. Geht das zu weit?

Wer hoch hinaus will, kann böse fallen. Das wissen wir von Ikarus. Alex Honnold will immer hoch hinaus. Der US-Amerikaner ist weltbekannt als Free-Solo-Kletterer. Für nicht Fachkundige heisst das: Er klettert ohne Seil oder sonstige Sicherung.

Mann in rotem Shirt sitzt vor Skyline mit wolkigem Himmel und Turm.
Legende: Ein Mann, ein Turm: Der amerikanische Alpinist Alex Honnold mit seinem neuesten Ziel: dem höchsten Gebäude Taiwans und dem elfhöchsten auf der Welt. COREY RICH/NETFLIX

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist sein Free-Solo-Projekt 2017 am El Capitan im Yosemite Park. 900 Meter kletterte er hoch an der glatten, steilen Wand. Ein Filmteam fing das waghalsige Unterfangen ein. Der Film «Free Solo» gewann 2019 einen Oscar.

Der Ausnahme-Athlet Alex Honnold

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Alex Honnold, 1985 geboren, gilt als einer der aussergewöhnlichsten Kletterer der Gegenwart. Der aus Sacramento im US-Bundesstaat Kalifornien stammende Ausnahme-Athlet begann mit fünf Jahren zu klettern, lebte fast ein Jahrzehnt in einem Van und gilt als Meister radikaler mentaler Vorbereitung: Seine Amygdala reagiert nur auf extrem hohe Reize – eine seltene Desensibilisierung durch jahrelange Routine. Neben mehreren Speed-Rekorden im Yosemite gründete er 2012 die Honnold Foundation, die weltweit Solarprojekte unterstützt.

Gewagt ist auch sein neuestes Projekt. Am 24. Januar um 2 Uhr morgens unserer Zeit wird Alex Honnold versuchen, den Taipei 101 – einen 508 Meter hohen Wolkenkratzer – seilfrei zu erklimmen. Allein – vor Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauern.

Honnold (man sieht in nur von hinten) schaut hoch zum Taipei 101.
Legende: Ein hohes Ziel: Alex Honnold will den Taipei 101 hochklettern. Wird er es schaffen? Netflix

Geht Netflix zu weit? 

Medien- und Sportwissenschaftler Thomas Horky wird aus Zeitgründen nicht live dabei sein. Er sagt aber auch: «Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich in eine Todesrisiko-Situation begeben, halte ich persönlich für ethisch nicht vertretbar.» Aus Sicht des Wissenschaftlers findet er das Event aber spannend.

Alex Honnold trainiert an einem Baum mit Sicht auf den Taipei 101.
Legende: Trainieren für den Mega-Event: Alex Honnold hat alles fest im Griff – und sein Ziel vor Augen. Netflix

Dass Honnold das Hochhaus erklimmen will, hält er aber nicht für grundsätzlich verantwortungslos: «Andere Menschen fahren sehr schnell auf Autobahnen und gehen ein Risiko ein.» Der Mensch, der Sportler Honnold, sei «selbst für sich verantwortlich. Es ist sein Wille.»

Mehr Nervenkitzel 

Horky sieht klar kritisch, dass Netflix den Event live überträgt. Aus der Reihe tanze der Streaming-Anbieter damit nicht. Netflix treibe lediglich auf die Spitze, was sich in der Sportberichterstattung schon seit den 1970er-Jahren zeige: Dass Drama, der Nervenkitzel immer mehr zähle. «Hier warten wir aber quasi darauf, dass Honnold abstürzt.»

Den Taipei 101 erklettern – ist das schwierig?

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Foto vom Wolkenkratzer Taipei 101.
Legende: Der Taipei 101 in Taipeih, der Hauptstadt Taiwans. Getty Images / Salva López Photography

Der Taipei 101 ist 508 Meter hoch und hat 101 Stockwerke. Der Turm besteht aus Glas, Stahl und Beton: Oberflächen, die wenig Reibung bieten und extreme Fingerkraft und Präzision verlangen. Das Klettern ist darum anstrengend, aber technisch monoton, da die Oberfläche kaum Variation bietet. 

Das Gebäude besteht zudem aus acht grossen, leicht überhängenden Segmenten, als «Bamboo Boxes» bezeichnet. Jedes Segment kippt leicht nach aussen, was die Belastung für den Kletterer erhöht. Zudem kommt es in der Region immer wieder unvorhergesehen Windböen. Schon der französische Kletterer Alain Robert erkletterte den Taipei 101 2004 erfolgreich. Allerdings mit einem Seil.

Warum Menschen da einschalten? «In der Sportsoziologie weiss man aus Studien, dass in einer langweiligen Welt, wo viele nur am Schreibtisch sitzen, solche Events einen kurzen Ausstieg versprechen.»

Auch SRF zeigte 1999 live, wie ein Bergführer-Gruppe die Eiger-Nordwand bestieg. Bis zu 80 Millionen Menschen schalteten ein. Das Projekt entstand unter strengen Sicherheitsbedingungen. Sicherheit gibt es bei der Netflix-Übertragung nicht.

Veränderung des Klettersports 

Die Kletterszene zeigt sich zu «Skyscraper Live» gespalten. Während einige Honnold für den Mut bewundern, äussern andere Sorge zum riskanten Projekt. Wieder andere halten das Projekt für keine Kletter-Kunst. Sondern für einen PR-Stunt, eine reine Performance.

Der Klettersport, so Horky, habe sich verändert seit den Olympischen Spielen in Tokio 2020: «Seit das Klettern olympisch ist, ist es zu einer Überbietungssport geworden. Und weil der olympische Sport natürlich vor allem ein Fernsehsport ist, werden Formen des Kletterns eingeführt, die am TV gut aussehen.» Die Inszenierung ist Teil des Kletterns geworden. Wie die Extreme. Das sorgt für Kritik.

Honnold sagt, er wolle den Taipei 101 erklimmen, weil es «Spass macht». Die Zuschauer sind zweitrangig: «Mein Leben steht auf dem Spiel. Ich kümmere mich nicht darum, wer zuschaut. Ich will mein Ding durchziehen – und zwar gut.» Bleibt zu hoffen, dass alles gut geht.

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 18.1.2026, 11:00 Uhr

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