Worin für mich das beglückende – und auch erhellende – im Leben mit einem Hund liegt? Zunächst einmal ist es das Leben mit einem Wesen, das einer fundamental anderen Relevanzstruktur folgt. Das relativiert auch die eigenen Sorgen, Ängste und Hoffnungen.
Jeder Tag mit einem Hund lässt mich fragen, ob all das, was ich in meinem Leben gerade für so wichtig und entscheidend halte, wirklich so hochgehängt werden muss. Berufliche Zielsetzungen zum Beispiel. Oder politische Ärgernisse. Wiederkehrende Zugverspätungen. Ein verfrühtes Ausscheiden der eigenen Nationalmannschaft. Kennt so ein gemeiner Rüde alles nicht. Kümmert ihn nicht.
Hund sein heisst: im Moment leben
Für ihn zählt: Vesper, Auslauf, Kontakt, Sex – klar; Zuneigung, der richtige Riecher. Jeden Tag wieder. Jeweils ziemlich im Moment verweilend. Auch ein mögliches Leben! Und sogar ein offenbar erfülltes.
Genau dieser Hunde-Riecher für das gute, richtige, unverstellte Leben war es auch, der den antiken Kynikern ihren Namen gab. Denn kynos (κύων), das heisst auf Griechisch Hund. Der Philosoph Diogenes von Sinopie war im alten Griechenland der berühmteste unter den Kynikern. Anstatt in einem Haus lebte er in einem Fass – mitten auf dem Marktplatz. Dort ass und schlief er, wusch er sich, polterte und pinkelte.
Einfach wau!
Er vermied alles Künstliche, Affektierte, Bornierte. Authentisch würden wir heute sagen: immer frei heraus. Diogenes machte aus seinen Bedürfnissen keinen Hehl. Genauso wenig wie aus seiner Abscheu für Menschen, die meinten, das gute Leben läge im Erfolg, im Ruhm, in der Macht. Mit anderen Worten: Diogenes war ein ganz schön cooler Hund!
Und dann gäbe es da noch das Verhältnis des gemeinen Caninen zum Schlaf. Einfach phänomenal! Die können schlafen – 18 Stunden am Tag. Ohne jede Reue, ohne Problem. Nichts schöner, nichts friedlicher auf dieser Welt als ein schlafender Hund.
Wahrscheinlich auch deshalb das Sprichwort: schlafende Hunde sollte man nicht wecken.
Zudem weiss der Volksmund, der Hund sei der beste Freund des Menschen. Aber evolutionär war es wohl umgekehrt: Da war der Mensch der beste Freund des Hundes. Soll heissen: Es waren die Hunde, unser Leben mit ihnen, die den Menschen überhaupt erst zum Kultur- und Zivilisationswesen gemacht haben. Durch ihren Schutz, ihre Wachsamkeit, ihren Jagdverstand. Wir verdanken diesen Wesen also fast alles. Nur wenige Menschen wissen das. Aber jeder Hund! Dieser Stolz, der ihn durchs Leben trägt: Er weiss, was er für uns bedeutet! Wahrlich, von Hunden lernen, heisst leben lernen! Wau!
In besonderem Masse gilt das bislang Gesagte nun vom Dackel. Für den Kenner deshalb auch der eigentliche Hund unter den Hunden. Denn so unwahrscheinlich seine Form, so selbstbewusst sein Auftritt. So devot sein Blick, so unzerstörbar sein Eigensinn. So kurz seine Beine, so weittragend sein Radius. So mutig sein Streben, so fein sein Sinn für die Situation. Er ist ein wahres Genie im Erkennen menschlicher Stimmungslagen – und also auch deren gezielter Manipulation.
So lehrt das Leben mit solch einem Hunde nicht zuletzt, uns vor allen in Acht zu nehmen, die uns mit treuesten Augen anhimmeln, gar freudig mit dem Schwanze wedeln, in Wahrheit jedoch ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Und was könnte nützlicher sein als das?