Freischaffende Autorin, ein Sohn in der Pubertät, als Mama alleinerziehend: Es gab Zeiten, da dachte Simone Buchholz, sie bekommt das nicht hin. Da war die Angst, ihr Sohn Rocco könnte ihr entgleiten: «Ich wusste, ich muss etwas tun, aber was? – Ich habe ein bisschen darauf vertraut, dass sich Rocco selber aus der Scheisse zieht, und das hat er dann auch gemacht.»
In ihrem neuen Buch «Über Söhne» erzählt die preisgekrönte Krimiautorin vom Aufwachsen ihres Sohnes, ihrer Rolle als Mutter und von einer Gesellschaft, die Jungs aus dem Blick verloren hat. Klar, davor wurden jahrhundertelang die Mädchen und Frauen vergessen, sagt Buchholz, aber heute sollten wir uns fragen, was eine gute Männlichkeit bedeutet und wie unsere Jungs zu verantwortungsvollen und einfühlsamen Männern werden, denn, so Buchholz: «Männer sind für viele Probleme, die wir gesellschaftlich und politisch gerade haben, verantwortlich.»
Jungs bekommen in der Jugend allerdings viel Gegenwind, sagt die Hamburgerin. In der Schule schneiden sie oft schlechter ab als Mädchen, sie bekommen Lack von Lehrern und Eltern. Für Jungs bedeute das eine grosse Verunsicherung. Rocco hat sich mit seinen Freunden auf die Strassen von St. Pauli zurückgezogen und kam mit der Polizei in Kontakt. Auch eine Hausdurchsuchung wurde mal anberaumt.
Tagebuch einer Mutter
Im Buch schreibt sie: «Irgendwo habe ich gelesen, dass im weiblichen Gehirn das Zentrum für Risikobewertung schon im Vorschulalter voll aktiv ist, während sich im männlichen Gehirn da manchmal bis ins Erwachsenenalter keinerlei Aktivität feststellen lässt. Das würde so einiges erklären.»
Neben Anekdoten aus den ersten Lebensjahren, der schwierigen Still-Sitz-Zeit in der Schule und den ersten Testosteron-Schüben, liest man in Simone Buchholz’ Buch auch vom jugendlichen Schweigen und den Konflikten mit der Polizei. Der Rowohlt Verlag bewirbt es als «erzählendes Sachbuch». Es ist allerdings weder explizit politisch, noch wissenschaftlich oder soziologisch dick unterfüttert. Es liest sich eher wie das Tagebuch einer Mutter; eine sehr persönliche Erzählung.
Roccos Rettung? Der Kampfsport
Mit «Über Söhne» hat Buchholz eine positive Jungsgeschichte vorgelegt. Rocco entdeckt den Kampfsport K1 für sich, eine Mischung aus Kickboxen, traditionellem Thaiboxen und Boxen. «Der Trainer ist toll, damit steht und fällt das natürlich», sagt Buchholz. Im Ring lernte ihr Sohn, für sich einzustehen, Niederlagen zu akzeptieren, Hierarchien und Gegner zu respektieren – erkannte also, was positive Männlichkeit bedeutet.
Natürlich sei Kampfsport nicht der Königsweg für alle jungen Männer, sagt die Autorin. Wichtig sei, dass Jungs ab etwa zehn Jahren ihren Durst nach Körperlichkeit stillen können, indem sie irgendeine Kontaktsportart ausüben, die ihnen gefällt. Diesen Tipp hat Simone Buchholz von einem Kinder- und Jugendpsychologen bekommen.
Sohn Rocco, gerade volljährig geworden, hat der Veröffentlichung des Buches übrigens explizit zugestimmt: «Er hatte Veto-Recht», sagt Buchholz. Heute sind die beiden für Interviews und Lesungen manchmal zusammen unterwegs und das Buch wurde in Roccos Freundeskreis rumgereicht. Simone Buchholz schmunzelt: «Er ist jetzt ganz stolz und findet das irgendwie cool.»