Markus Theunert ist fachlicher Leiter bei der Dachorganisation progressiver Männer- und Väterorganisationen und einer der Autoren der Studie. Er erklärt die Ergebnisse und sagt, was es für ein gesundes Männerbild bräuchte.
Markus Theunert
Fachlicher Leiter und Co-Geschäftsleiter von männer.ch
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Markus Theunert ist fachlicher Leiter und Co-Geschäftsleiter des Dachverband progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen männer.ch. Der studierte Psychologe und Vater einer Tochter ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien von ihm «Jungs, wir schaffen das. Ein Kompass für Männer von heute.»
SRF News: Wieso ist ein dominantes Männlichkeitsbild problematisch?
Markus Theunert: Es kann nicht darum gehen, Männern vorzuschreiben, wie sie Mann sein sollen. Wir wissen aber, dass diese restriktiv-dominanten Männlichkeitseinstellungen, die wir in der Studie problematisieren, Gewalt begünstigen, Gesundheit gefährden und Gleichstellung behindern. Sie stehen also im Konflikt zu Verfassungsnormen, Grundwerten und Gesetzen. Daraus rechtfertigen sich entsprechende Präventionsbemühungen.
Hat das Forschungsteam diese Ergebnisse für die Schweiz so erwartet?
Nein, die Deutlichkeit der Resultate hat uns überrascht. Wir hatten beispielsweise für die Skala männlicher Bedrohungsgefühle drei Jahre alte Vergleichsdaten aus Deutschland. Dort zeigten sich 3 von 10 jungen Männern besorgt, dass «richtige Männer immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden».
Es wäre fragwürdig, jetzt mit dem Finger auf bestimmte Menschen oder Gruppen zeigen zu wollen und ihnen die Verantwortung für diese Entwicklungen zuzuschieben.
In der Schweiz sind es 5 von 10 jungen Männern. Das ist schon massiv. Die Frage ist, ob dies an Unterschieden zwischen den Ländern liegt oder ob sich in diesen drei Jahren gesellschaftlich etwas verändert hat.
Werte in Deutschschweiz höher
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In der Deutschschweiz sind die Werte des sogenannten «Faktor M» höher als in der Westschweiz oder dem Tessin. Hohe Werte stehen für ein Weltbild, das Männlichkeit stark mit Dominanz, Härte und Abgrenzung verbindet.
Laut Theunert gibt es dafür eine mögliche Ursache, die sich in den Daten ablesen lässt: «Die jungen Männer in der Deutschschweiz geben an, sich viel häufiger in der digitalen Manosphere zu bewegen», sagt er. Dieser Begriff bezeichne die Echokammern des Internets, in denen eine naturgegebene Überlegenheit von Männern gefordert und gefeiert wird.
Dort werde den Frauen, dem Feminismus oder der Gleichstellung die Schuld an der aktuellen Verunsicherung der jungen Männer in die Schuhe geschoben. «Die lange Geschichte von Frauendiskriminierung und patriarchaler Prägung unserer Gesellschaft bis heute wird dabei völlig ausgeblendet», sagt Theunert.
Was sind diese gesellschaftlichen Veränderungen?
Es sind verschiedene Ursachen und Kombinationen denkbar: die Folgen der Corona-Pandemie, die polarisierenden Algorithmen auf Tiktok & Co., der Ukraine-Krieg, die in alle Lebensbereiche drängende Künstliche Intelligenz, die Klimakrise. Das bleibt aber vorderhand Interpretation.
Legende:
Theunert definiert einen Mann mit einem dominanten Männlichkeitsbild folgendermassen: Frauen hält er für manipulativ, Vielfalt für unnötig und Homosexualität nur ok, wenn sie nicht sichtbar ist. Er sucht den Kampf und braucht den Wettbewerb, um sich als ganzer Mann zu fühlen. Unterstützung sucht er nicht, auch wenn er sie braucht.
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Inwiefern sind die Eltern für ein dominantes Männlichkeitsbild verantwortlich?
Eltern sind wie die Schule eine wichtige Sozialisationsinstanz. Es wäre ganz generell aber fragwürdig, jetzt mit dem Finger auf bestimmte Menschen oder Gruppen zeigen zu wollen und ihnen die Verantwortung für diese Entwicklungen zuzuschieben.
Jeder Junge kann, darf und muss seinen eigenen Weg finden, wie er Mann werden möchte.
Grundsätzlich stehen wir als ganze Gesellschaft in der Verantwortung, uns mit der Frage zu beschäftigen, wie wir die Orientierung an schädlichen Männlichkeitsnormen überwinden können. Wir alle haben die verinnerlicht.
Was ist die Rolle der Schule?
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Laut Studie sollen Schulen Themen wie Geschlechterrollen, Gleichstellung und Gewaltprävention stärker verankern.
«Bei uns löst diese Studie Ängste und Sorgen aus», sagt Daniel Gebauer, Mitglied der Geschäftsleitung beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) sowie Schulleiter der Schule Zollbrück im Kanton Bern. «Wenn ein idealisiertes Bild ist, dass Konflikte mit Gewalt gelöst werden, dann ist das problematisch auf dem Schulplatz», sagt er.
Gebauer warnt jedoch davor, die Schulen zu sehr zur Verantwortung zu ziehen. «Die Schule kann ein gesellschaftliches Problem nicht im Alleingang lösen. Heute werden Themen sehr voreilig an Schulen abgegeben», sagt Gebauer.
Der Lehrplan sei geschlechtsneutral, die Gleichstellung ein Wert, für welche die Volksschule einstehe. «Viele Schulen haben spezialisierte Konzepte, wie sie gemeinschaftsfördernde Massnahmen machen», sagt Gebauer.
Laut dem Schulleiter mangelt es in Schulen aber an Zeit und Ressourcen. «Die Schule muss sehr viele Themen auffangen», sagt Gebauer – Stichwort Handy- und Social-Media-Nutzung, das nicht zuletzt wieder mit dem Bild von Männlichkeit zu tun hat.
«Da müssen sich Schulen selbst absprechen, weil Kantone sehr zögerlich sind mit gesetzlichen Vorgaben», sagt Daniel Gebauer. Er sieht deshalb auch Eltern und Politik in der Pflicht. «Die Schule ist auch nur ein Abbild der Gesellschaft.»
Lehrpersonen werden tagtäglich mit dutzenden Fragen in Bezug auf Geschlechter konfrontiert, wie Gebauer sagt. «Das Personal ist dafür geschult», sagt er. Wichtig für Lehrpersonen sei jedoch, sich immer wieder selbst zu reflektieren und die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen zu verstehen – ihre Sorgen und ihre anspruchsvolle Realität.
«Ich habe in einer Klasse einmal eine Umfrage gemacht zum Influencer Andrew Tate und war erschrocken, wie viele Jugendliche ihn kennen und wissen, für welche frauenfeindlichen Ideologien er einsteht. Im Lehrpersonen-Team hingegen wussten viele nicht, wer er ist», erzählt Gebauer.
Gebauer sieht aber auch Verbesserungspotenzial in den Schulen. Der Beruf der Lehrperson werde immer weiblicher – insbesondere in den unteren Stufen. «Da fehlt ein Ausgleich. Es wäre gut, wenn es vermehrt Männer-Vorbilder geben würde.» Diesen Teil könnten Schulen aber schlichtweg nicht beeinflussen.
Was braucht es für ein gesundes Bild der Männlichkeit?
Am Anfang stünde ein kollektiver Lernschritt. Wir müssen begreifen, dass es keinen naturgegebenen Bauplan des Männlichen gibt, der sich einfach so vollzieht. Jeder Junge kann, darf und muss seinen eigenen Weg finden, wie er Mann werden möchte. Niemand soll gezwungen sein, schädliche Formen von Männlichkeit zu performen, um Anerkennung und Zugehörigkeit zu finden. Dafür brauchen Jungs aber Ermutigung, Orientierung und Begleitung.
Bildung, Perspektiven, Integration und Teilhabe sind allgemeine Schutzfaktoren. Aber es gibt auch konkreten Bedarf: Fachpersonen in pädagogischen und sozialen Berufen brauchen Kompetenzen und Instrumente, um diesem Thema in ihrer Arbeit professionell Rechnung zu tragen. Mehr Vielfalt und Männer in Kitas und Primarschulen sind hilfreich, damit sich Jungs an konkreten Männern statt an virtuellen Helden orientieren können. Schulen brauchen Unterstützung durch externe Fachpersonen und mehr Ressourcen für die Schulsozialarbeit.