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Sozialpädagoge zu Männlichkeit Zwischen Dominanz und Verunsicherung: Wann ist ein Mann ein Mann?

Bereits Herbert Grönemeyer sang im Jahr 1984 über Männlichkeit:

Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht
Aussen hart und innen ganz weich
Werd’n als Kind schon auf Mann geeicht
Wann ist ein Mann ein Mann?

Was brauchen junge Männer heute und warum fühlen sich viele trotz Freundschaften einsam und orientierungslos? Sozialpädagoge Kambez Nuri erklärt, wie alte Männlichkeitsbilder, Social Media und fehlende Vorbilder junge Männer prägen – und was ihnen wirklich hilft.

Kambez Nuri

Sozialarbeiter

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Kambez Nuri ist Sozialarbeiter, Gewaltberater und interkultureller Berater beim «Mannebüro Züri» und Co-Leiter bei der Fachstelle «OH BOY*». Er leitet seit 2022 Workshops zu den Themen Männlichkeiten und Gewalt an Schulen und sozialpädagogischen Einrichtungen. Die jungen Männer, die daran teilnehmen, sind in der Regel zwischen 12 und 25 Jahre alt.

SRF: Was sagen die jungen Männer, mit denen Sie heute zusammenarbeiten: Wann ist ein Mann ein Mann?

Kambez Nuri: In unseren Workshops sprechen wir immer über die Erwartungen, die sie an sich selbst haben und die an sie gestellt werden. Da kommen immer noch die klassischen Männlichkeitsanforderungen, die schon Grönemeyer besungen hat: Ein Mann muss dominant sein, Status haben, viel Geld verdienen und die Familie beschützen.

Viele Jungs wachsen heute mit Mädchen auf, die selbstbewusst sind, Grenzen setzen und erfolgreich sind. Eine gute und wichtige Entwicklung. Aber was macht das mit den jungen Männern, die selbst gar nicht wissen, wer sie als Mann sind?

Das löst häufig Ohnmacht aus, aber auch eine Abwehrhaltung. Es ist natürlich einfacher, den Frauen die Schuld an der Orientierungslosigkeit oder auch der Einsamkeit der Männer zu geben. Aber wenn wir Männer genau hinschauen, dann wissen wir, dass das nicht der Fall ist. Wir vermitteln in den Kursen, dass Frauen auch unter diesen Männlichkeitsbildern leiden.

Warum sind Figuren wie Andrew Tate für junge Männer so attraktiv?

Sie sind attraktiv, weil sie sehr berechtigte Fragen der jungen Männer nach Orientierung und Zugehörigkeit aufnehmen und dann aber die falschen Antworten geben. Sie füttern diese auf Social Media mit Wut. Starke Emotionen generieren mehr Likes, man bleibt länger dran. Unsere Aufgabe als Fachpersonen und als Erwachsene ist es, nicht auf diese Wut zu reagieren, sondern mit den Jugendlichen in Beziehung zu treten. Ihnen Gespräche und Alternativen zu bieten, um mit ihnen über diese Orientierungslosigkeit zu reden.

Zusammen Fussball gucken und Bier trinken reicht nicht.

Was bräuchte es denn, damit sich junge Männer auch untereinander austauschen können?

Sie melden uns zurück, dass sie natürlich auch Freundschaften haben, und das kann toll sein. Aber wenn wir sie danach fragen, ob sie ihrem besten Freund erzählen, wenn es ihnen nicht gut geht, dann sagen sie: «Nein, natürlich nicht. Wieso sollte ich jemanden damit belasten?» Das heisst wiederum, dass ein 16-Jähriger sehr einsam ist mit all dem, was er bewältigen muss. Fussball schauen und Bier trinken reicht nicht. Sie müssen lernen, über ihre Emotionen zu reden und auch zu wissen, wie es ihrem besten Freund geht.

Fehlt ihnen auch die Sprache, um sich mitzuteilen?

Ja, ihnen fehlen nicht nur Vorbilder, sondern auch die Worte. Sie melden uns in den Workshops häufig zurück, dass es das erste Mal sei, dass sie über ihre Gefühle gesprochen haben.

Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit auf die jungen Männer zu, was hilft ihnen?

Zuerst versuchen wir, die Jugendlichen zu sehen und ihnen die Liebe zu geben, die sie suchen: Orientierung und Zugehörigkeit. Wenn wir das schaffen, dann sind sie bereit, in einem zweiten Schritt Verantwortung zu übernehmen – Verantwortung dafür, dass es ihnen künftig besser geht, aber auch dafür, dass sie nicht andere abwerten oder verletzen. Und in einem dritten Schritt schauen wir gemeinsam: Wie kannst du deine Männlichkeit in Zukunft leben? Die Schubladen sind so eng, lass sie uns zusammen aufmachen. Das funktioniert gut.

Das Gespräch führte Judith Wernli.

SRF3, Focus, 15.6.2026, 17:00 Uhr. ; 

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