Das Auflösen eines Hauses oder eine Wohnung nach einem Todesfall ist ein vielschichtiger Prozess: Es bedeutet, ein ganzes Leben neu zu ordnen oder gar wegzuräumen. Mit jedem Mal geht es um die Entscheidung: Was bleibt, was kommt weg? Es ist ein weiterer Abschied und auch zeitintensiv. Wenn Zeit oder Kraft fehlen oder ein Haushalt über Jahrzehnte gewachsen ist, werden Räumungsdienste beigezogen. Für Angehörige ist dieser Prozess so unterschiedlich wie ihre Beziehungen zu den Verstorbenen.
Astrid steht noch ganz am Anfang
Die Mutter von Astrid Frehner ist Anfang Jahr im Alter von 101 Jahren gestorben. Ihr Einfamilienhaus in Appenzell, in dem sie seit rund 30 Jahren allein lebte, zeigt sich so, wie die Mutter sich in der Öffentlichkeit auch zeigte: stilvoll, ausgewählt und gepflegt. Dieses Haus, samt der gesamten Einrichtung, gehört nun Astrid. Sie ist die einzige Tochter. Ob sie es weitervermietet oder für sich nutzen wird, steht noch nicht fest. Um solche Entscheidungen zu treffen, ist die Trauer noch zu präsent.
Ein Vorteil: Es gibt keinen Zeitdruck, keinen Mietvertrag, der ein Ultimatum setzt. Astrid kann sich Zeit nehmen, und das möchte sie auch. Zuerst müsse ohnehin die gesamte Administration erledigt werden, die ein Todesfall mit sich bringt. Auch die Wünsche der Mutter werden berücksichtigt: «Alle, die zur Beerdigung kommen, bekommen eine Dankeskarte», erzählt sie.
Ein zwiespältiges Gefühl
Auch rund einen Monat nach dem Tod ihrer Mutter ist noch vieles unverändert. Der Gedanke an das Wegräumen von Kleidern, Haushalt, allenfalls auch Möbeln, löst bei Astrid ein zwiespältiges Gefühl aus. Mit ihren Händen streicht sie über den Ofen, den kleinen Tisch mit dem selbst gestickten Tischtuch. Alles erzählt eine Geschichte. Alles ist Erinnerung.
Dieser Stuhl kommt mit. Auf diesem hat Mama über Jahre gelesen oder einfach nachgedacht. Darin sass sie immer.
Gerne würde sie alles genau so belassen, wie es ist. Alles sei schön, und trotzdem merkt sie, dass das nicht ein Zustand für immer sein kann. In der aktuellen Trauerphase ist für sie einzig und allein klar, Mutters Lieblingsstuhl möchte sie behalten: «Dieser Stuhl kommt mit. Auf diesem hat Mama über Jahre gelesen oder einfach nachgedacht. Darin sass sie immer.»
Heute ist dieser Stuhl braunweiss gepolstert und vom vielen Gebrauch abgenutzt. Diesen Stuhl, Mamas Stuhl, wird Astrid wohl neu beziehen, rot oder schwarz kann sie sich vorstellen. Ein Stück Vergangenheit, das sie in die Zukunft mitnimmt.
Zwischen Trauer und Befreiung
Das Auflösen von Mutters Haushalt ist für Astrid ein sehr emotionaler Prozess. Dieser kann aber auch befreiend erlebt werden. Das zeigt sich beim Besuch einer Hausräumung in der Stadt Zürich.
-
Bild 1 von 4. Chaos pur in einem Haushalt in Zürich: Im ganzen Haus herrscht Durcheinander. Überall liegen Verpackungen, Maschinen, Werkzeuge, alles, was der verstorbene Vater brauchte und hortete. Bildquelle: SRF/Beatrice Gmünder .
-
Bild 2 von 4. Das Haus wurde 1934 gebaut. Seit es der Vater gekauft hat, renovierte und baute er es stetig um, sagt Sohn Robert Brandenberger. Nun setzt er es instand und wird es weitervermieten. Bildquelle: SRF/Beatrice Gmünder .
-
Bild 3 von 4. Brandenberger möchte von seinen Eltern nichts behalten. Die Beziehung sei schlecht gewesen, diese negative Energie wolle er nicht weiter in seinem Leben. Die Hausräumung sei eine Befreiung. Bildquelle: SRF/Beatrice Gmünder .
-
Bild 4 von 4. Kein Zimmer ohne Chaos: In jedem der Räume erwartet einen derselbe Anblick. Bildquelle: SRF/Beatrice Gmünder .
Ein Haus aus den 1930er-Jahren, über Jahrzehnte hinweg umgebaut und erweitert. Der verstorbene Vater hat hier gewerkelt, gesammelt, gehortet. In jedem Raum stapeln sich Gegenstände: Werkzeuge, Maschinen, Verpackungen. Chaos, wohin man schaut. Sohn Robert Brandenberger hat entschieden, die Räumung abzugeben. Neun Männer sind dafür im Einsatz, drei Lieferwagen stehen vor dem Haus bereit. Innerhalb eines Tages wird das Haus leergeräumt sein. Die Kosten: mehrere tausend Franken.
Es ist ein befreiendes Gefühl. Denn meine Beziehung zu meinen Eltern war schlecht.
Für Robert ist es kein schmerzhafter Prozess. Im Gegenteil, es sei eine Befreiung: «Meine Beziehung zu meinen Eltern war schlecht. Ich hatte kaum mehr Kontakt», sagt er. Erinnerungsstücke möchte er keine behalten. Er sagt, er möchte die schlechte Energie aus dieser Beziehung nicht mit in seine Zukunft nehmen. Stattdessen will er das Haus renovieren und neu vermieten. Er möchte ihm eine freundliche Ausstrahlung verleihen, passend zum Quartier.
Ein Geschäft mit sensiblen Momenten
Damit eine solche Räumung überhaupt möglich ist, braucht es Erfahrung und Organisation. Das Familienunternehmen Brocki-Land in Zürich übernimmt solche Aufträge seit rund 40 Jahren. Heute wird es in zweiter und dritter Generation von Melanie und Vanessa Morf geführt.
Vor jeder Räumung wird der Haushalt besichtigt, der Aufwand eingeschätzt und geplant. Vor Ort wird sorgfältig gearbeitet: Böden werden abgedeckt, der Auftrag genau geprüft. Was bleibt, was geht, wird dann im Team klar kommuniziert.
Es ist spannend, zu sehen, wie unterschiedlich Menschen leben.
«Wir nehmen alles mit zu uns. Erst im Brockenhaus entscheiden wir, was weiterverkauft werden kann und was in die Mulde kommt», erklärt Betriebsleiterin Vanessa Morf. Sieben Mulden stehen bereit, um Abfall direkt zu trennen. Möbel, Maschinen, Alltagsgegenstände – alles was noch zu gebrauchen ist, wird sortiert und dann im eigenen Brockenhaus verkauft. Die Mitarbeiter können sie um 30 Prozent günstiger erwerben.
Die Arbeit habe sich verändert und die Konkurrenz sei gewachsen. Auch das Entsorgen sei teurer geworden. Gleichzeitig habe sich auch der Inhalt der Haushalte gewandelt. «Möbel sind heute oft günstiger und werden schneller ersetzt», sagt Melanie Morf, die Mutter von Vanessa Morf. Früher seien Antiquitäten gefragter gewesen, heute habe sich die Nachfrage verschoben.
Was bleibt, ist die Nähe zu den Menschen. «Wir haben es mit ganz unterschiedlichen Haushalten zu tun. Wir räumen ganz luxuriöse und auch stark vernachlässigte Wohnungen», sagt Melanie Morf. «Es ist spannend, zu sehen, wie unterschiedlich Menschen leben.»
Fingerspitzengefühl gefragt
Doch die Arbeit ist nicht nur organisatorisch, sondern auch emotional anspruchsvoll. Die Mitarbeitenden begegnen Angehörigen in Ausnahmesituationen. «Hinter einem Todesfall stehen oft Trauer, aber auch Konflikte», sagt sie. Man sehe auch Einsamkeit oder schwierige Lebensumstände. Solche Eindrücke können einem sehr nahegehen.
Der Umgang damit erfordere Feingefühl. «Es ist wichtig, den Angehörigen Raum zu geben», erklärt Morf. «Wir versuchen, den Prozess für sie so einfach und so angenehm wie möglich zu gestalten.»
Warum viele die Räumung abgeben? Oft ist es Zeitmangel oder die schiere Menge an Dingen. Haushalte, die über Jahrzehnte gewachsen sind, lassen sich nicht nebenbei auflösen. Und manchmal ist es auch die emotionale Distanz, die fehle.
Was bleibt
Ob Trauer wie bei Astrid oder Befreiung wie bei Robert – das Auflösen eines Haushalts ist immer mehr als nur Arbeit. Es ist ein Blick in ein gelebtes Leben, auch in die eigene Geschichte. Gegenstände erzählen Geschichten, Räume spiegeln Biografien.
Und am Ende bleibt oft nur wenig: ein Stuhl, ein Tisch, vielleicht ein paar Fotos. Dinge, die weitergetragen werden als Erinnerung an einen Menschen und ein Leben, das einmal ein Zuhause hatte.