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«Unzeitgemässe Fragen» In Ruhe nachdenken, um zu Klarheit zu kommen? Ein Irrtum.

Der antike Philosoph Sokrates ist seit über 2000 Jahren tot. Und doch können wir für ein gutes Leben Elementares von ihm lernen, sagt die Philosophin Agnes Callard. Was genau, lebt sie selbst vor.

Noch kurz zwei E-Mails schreiben. Den Zug erwischen. Einkaufen. Das Kind abholen. Den Artikel fertig lesen – wer kennt es nicht, das Leben im Viertelstunden-Takt.

Unzeitgemässe Fragen

Die Philosophin Agnes Callard plädiert dafür, innezuhalten. Denn, wer nur gerade überlegt, was als nächstes ansteht, verpasst es, sich zu fragen, wozu wir das alles machen. Für sie beginnt das gute Leben dann, wenn wir uns den fundamentalen Fragen stellen – Callard nennt sie «unzeitgemässe Fragen» – die inmitten von To Do-Listen auch unbequem sein können. Denn wer will schon die Frage: «Lebe ich das richtige Leben?» mit «Nein» beantworten?

Person mit Brille und buntem Hemd vor einem farbenfrohen Hintergrund.
Legende: Agnes Callard ist Professorin für Philosophie an der University of Chicago und forscht insbesondere zur antiken Philosophie und Ethik. Daneben schreibt sie regelmässig für Publikationen wie «The New Yorker» oder die «New York Times». Imago/ZUMA Press Wire

Agnes Callard stellt sich diesen Fragen. Und trägt auch die Konsequenzen. Als ihr während eines Fluges auf einen Schlag bewusst wurde, dass sie sich in einen ihrer Studenten verliebt hatte, sagte sie dies ihrem Ehemann offen. Sie diskutierten stundenlang – und entschieden am nächsten Tag, sich zu trennen. Jetzt lebt sie gemeinsam mit dem Ex, dem heutigen Mann und den drei Kindern aus den beiden Ehen unter einem Dach.

Auch äusserlich entspricht Agnes Callard gar nicht dem klassischen Bild der Philosophie-Professorin. Sie trägt kunterbunte Kleidung, ihr Büro gleicht einem farbenfrohen Bastelraum. Das Unkonventionelle passt aber zu ihrem Forschungsgebiet.

Sie hat sich unter anderem dem antiken Philosophen Sokrates verschrieben, der auf Konventionen pfiff und seine Mitbürger dermassen in demaskierende Gespräche verwickelte, dass er schliesslich den Schierlingsbecher mit dem Gift trinken musste.

Denken braucht ein Gegenüber

Was wir von Sokrates besonders lernen können: dass Denken etwas Dialogisches ist und sein muss. Denn Callard findet den gängigen Impuls, in Ruhe über etwas nachzudenken, um zur Klarheit zu kommen, komplett falsch: «Das Einzige, wofür man wirklich einen anderen Menschen braucht, ist, die eigene Sicht auf die Welt in Frage zu stellen.»

Buchhinweis

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Agnes Callard: «Sokrates – Wie man durch ein sokratisches Leben die Angst vor fast allem verliert». C.H. Beck Verlag, 2026.

Andere Dinge, die Menschen füreinander tun – zum Beispiel das Hochheben, wenn man fällt, Essen zu bringen oder auch emotionaler Support – könnten auch von Nicht-Menschen geleistet werden, sagt sie. Aber nur durch einen Dialog im Sinne Sokrates, wo ein Gegenüber Antworten immer weiter zerpflückt, schälen wir das Wissen heraus.

Die Ehe als Vorbereitung auf die Scheidung

Das produktive Gespräch ist Agnes Callard so wichtig, dass sie im Restaurant mit ihrem Mann nicht einfach spontan über Dinge spricht. Sie erstellt analog zum Essensmenü ein Menü der Gesprächsthemen. Zur Auswahl stehen dann zum Beispiel: Was ist der Kerngedanke der stoischen Ethik? Oder: Kann man mutig, aber fehlgeleitet sein? Aus diesem Menü kann ihr Mann auch schon vorgängig auswählen oder Themen ergänzen.

Und in ihrer Beziehung gilt das Motto: Die Ehe ist eine Vorbereitung auf die Scheidung. Denn für Callard bietet die Ehe die Möglichkeit, schwierige Fragen zu beantworten. Etwa die, wie man seine Kinder erzieht. Sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen und eine Antwort auszuhandeln, sei jedes Mal eine Art Prüfung. «Und der ultimative Test», so Callard, «ist dann die Frage: Sollen wir verheiratet bleiben?»

 

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 14.6.2026, 11:00 Uhr

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