Sibylle Berg ist eine vielfach preisgekrönte Schriftstellerin und Theaterautorin. Als EU-Abgeordnete für «Die Partei» kritisiert sie Überwachung, Aufrüstung und den Kapitalismus.
Dabei skizziert Berg auch Ideen für eine alternative Zukunft – eine Zukunft, an deren Anfang sie eine gewaltfreie Revolution sieht. Eine solche sei nötig, denn wir alle würden das System, unter dem wir leiden, gleichzeitig auch am Laufen erhalten.
SRF: Sie sind seit 2024 als EU-Abgeordnete für «Die Partei» im EU-Parlament. Begeistert von der EU sind Sie aber nicht wirklich?
Sibylle Berg: Die Begeisterung für die europäische Idee ist gross – jedenfalls so, wie sie mal gemeint war: ein Zusammenschluss aller Länder Europas, die grenzenlos leben und zusammen denken.
Heute hat es fast etwas Anrüchiges, wenn man sagt ‹Ich bin für Frieden›.
Aber wenn man sich die Statuten der EU genauer ansieht, merkt man: Die Ausführung entspricht nicht der Idee. Der Hauptzweck ist die Generierung von Wirtschaftswachstum. Mir fehlt die Utopie.
Sie sind eigentlich gar nicht dafür, dass die Schweiz der EU beitritt. Eher umgekehrt: Die EU solle in die Schweiz eintreten, sagten Sie einst.
Ich sehe nur, wie mit kleineren Ländern in der EU verfahren wird. Sie haben keine guten Karten. Andersherum fände ich es besser, weil wir in puncto Demokratie der EU weit voraus sind. Ich glaube, statt sich abzugrenzen und zu bewaffnen, sollten wir mit den Menschen reden, die uns angreifen wollen. Die Schweiz war in der jüngsten Vergangenheit Meisterin der Diplomatie.
Meine Utopie wäre, den Zirkus mit dem Wirtschaftswachstum kritisch zu hinterfragen.
Heute hat es fast etwas Anrüchiges, wenn man sagt «Ich bin für Frieden». Das sehe ich ein bisschen als meine Aufgabe in der EU: zu zeigen, was neben dem offiziellen Kurs noch möglich ist.
Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom hat kürzlich kritisiert, dass europäische Leader vor lauter Diplomatie kuschen. Er sagte, es sei peinlich, wie unterwürfig sich Europa verhalte.
Das ist es auch. Meine Utopie wäre, den Zirkus mit dem Wirtschaftswachstum kritisch zu hinterfragen. Reicht es nicht, was wir in Europa produzieren? Da braucht man eigentlich Donald Trump nicht.
Sie sind also Globalisierungsgegnerin?
Ja, das würde ich sagen. Ich bin sehr wohl für Beziehungen – aber die Form von Radikalkapitalismus hat, glaube ich, nicht so irre viel gebracht.
Sie sind als Künstlerin in ein EU-Parlament gewählt worden. Wie gehen Sie mit dem Widerspruch um, dass Sie jetzt Teil des Betriebs sind?
Ich bin einfach eine Vertreterin der normalen Europäer und Europäerinnen. Eine Utopie von mir ist direkte Volksbeteiligung. Ich bin ein Fan von Los-Verfahren, jeder müsste mal regieren. Ich bin sehr skeptisch gegenüber Berufspolitikern.
Die Revolution, die ich beschreibe, ist ein Hackerangriff.
In Ihrer Wahlwerbung träumen Sie von einer gelungenen Revolution, die zu einem postkapitalistischen Europa beiträgt. Wie ernst ist es Ihnen damit?
Die Revolution, die ich beschreibe, kommt gänzlich ohne Gewalt aus: Es ist ein Hackerangriff. Wir alle halten das System, unter dem wir leiden, zunehmend am Laufen. Man könnte einfach alles mal hinlegen und warten, wie lange das System das aushält.
Wenn man vom Antikapitalismus spricht, denken die meisten reflexartig an Sozialismus. Gibt es eine Alternative?
Ich habe mich beim Schreiben schwergetan, etwas Neues zu erfinden. Die Begriffe Kommunismus und Sozialismus lösen Widerstand aus. Eine Utopie zu erfinden, für die wir noch keine Begriffe haben, das ist eigentlich die Aufgabe, die jetzt ansteht.
Das Interview ist ein gekürzter Auszug aus dem Gespräch von Barbara Bleisch mit Sibylle Berg in der «Sternstunde Philosophie».