Kulturgeschichte des Winters Warum der erste Schweizer Skifahrer im Dunkeln übte

Bernd Brunner hat eine charmante Kulturgeschichte des Winters geschrieben – gespickt mit Anekdoten zur kalten Jahreszeit.

Skifahrer auf einem verschneiten Hügel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Winter animiert nicht nur zum Skifahren, sondern auch zu poetischen Höchstleistungen. Photocase

  • In seinem neuen Buch erkundet Bernd Brunner den Winter aus Sicht der Klimaforschung, der Kulturgeschichte und der Kunst.
  • Unter anderem erzählt Brunner von Christoph Iselin, dem ersten Skifahrer in der Schweiz.
  • Immer wieder wird im Buch auch Weltliteratur zitiert: Wie erlebten Goethe, Turgenew oder ein japanischer Haikuschreiber die kalte Jahreszeit?

Winterliche Kunst oder Kommerz

Mit dem Winter kann man unterschiedlich umgehen. Man kann sich der Kälte und dem Schnee hingeben, kann sie geniessen. Wie die zahlreichen Künstler, die jedes Jahr im japanischen Shiramine mit vergänglichen Skulpturen aus Schnee und Eis ein internationales Festival feiern.

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Buchhinweis

Bernd Brunner: «Als die Winter noch Winter waren – Geschichte einer Jahreszeit», Galiani, 2016.

Man kann ihm aber auch die kalte Schulter zeigen wie die kanadische Stadt Montreal: Hier wurde ein unterirdisches Tunnelsystem geschaffen, in dem eine halbe Million Menschen shoppen gehen kann, ohne einen Hauch eisig-arktischer Luft zu spüren.

Poetische und praktische Antworten

Der Autor Bernd Brunner erkundet den Winter in seinem Buch «Als die Winter noch Winter waren» in allen Facetten: als Klimaphänomen, das alles Leben aufs Härteste herausfordern kann. Aber auch als kulturelles Phänomen, das den Menschen zu Erfindungen wie den Kachelofen oder den Skiern angestachelt hat. Oder auch zu poetischen Höchstleistungen, wie in diesem japanischen Haiku:

«  Es gibt weder Himmel noch Erde,
nur den Schnee, der ohne Ende fällt »

Japanisches Haiku

Goethe am Gotthard

Auch Johann Wolfgang von Goethe liebte die kalte Jahreszeit, besonders das Schlittschuhlaufen. Goethe war von Schnee und Eis so fasziniert, dass er sogar im Winter den Gotthard vom Wallis aus, via Furkapass, erklomm.

Als er und seine Begleiter die Bewohner von Oberwald fragten, ob der Weg passierbar sei, da antworteten sie laut Goethe:

«  Dass ihre Leute den grössten Teil des Winters drüber gingen, ob wir aber hinüberkommen würden, das wüssten sie nicht. »

Johann Wolfgang von Goethe

Geschickt verwebt Bernd Brunner solche Anekdoten mit Kulturhistorischem, mit Erklärungen zur Physik des Schnees oder den winterlichen Überlebenstechniken von Pflanzen und Tieren. Seine Erzählung plätschert gefällig dahin wie das Wasser eines winterlichen Baches unter einer dünnen Eisdecke.

Skifahren im Dunkeln

Manchmal schmunzelt man beim Lesen, zum Beispiel über Christoph Iselin. Er brachte um 1890 das Skifahren von Norwegen in die Schweiz und übte nachts, um sich nicht dem Spott von Beobachtern auszusetzen.

Die ersten Skier gab es übrigens schon vor 8000 Jahren – allerdings nicht in der Schweiz, sondern im heutigen Russland.

Untaugliche Zähne, untaugliche Öfen

Manchmal aber läuft es einem kalt den Rücken hinunter: Wenn man etwa von der Weddellrobbe in der Antarktis liest. Sie kann unter der gefrorenen Eisschicht des Meeres überleben, muss sich aber mit ihren Eckzähnen ein Atemloch freihalten. Im Alter von 10 Jahren sind ihre Zähne so abgenutzt, dass ihr das nicht mehr gelingt: sie ertrinkt.

Es könnte dies eine Erkenntnis sein aus Bernd Brunners Tour durch Kälte und Eis: Der Winter ist eine Freude – wenn man damit umgehen kann.

Bernd Brunner stellt denn seinem Buch auch eine Klage des russischen Schriftstellers Iwan Turgenew voran. Er formulierte sie 1870 bei einem Besuch in Deutschland:

«  Ich bin seit ungefähr zehn Tagen hier – und meine einzige Beschäftigung ist, mich zu wärmen. Die Häuser hier sind schlecht gebaut, und die Eisenöfen taugen nichts. »

Iwan Turgenew

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 10.01.2017, 16:50 Uhr