Art Brut gibt es überall. Sie bezeichnet die Kunst von Menschen ohne künstlerische Ausbildung. Von Laien, Kindern, gesellschaftlichen Aussenseitern, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen. Die Entdeckung der Art Brut und ihre Anerkennung als Kunst ist allerdings eng mit der Schweiz verbunden.
Der Begriff Art Brut stammt vom französischen Künstler Jean Dubuffet, der in dieser Kunst eine rohe Kraft sah, die nicht vom Kunstbetrieb beeinflusst war. Im Juli 1945 unternahm Dubuffet eine Reise durch die Schweiz. Er besuchte Nervenheilanstalten und Gefängnisse. Orte, an denen einige Ärzte und Therapeuten begonnen hatten, Bilder und Objekte von Patientinnen und Patienten mit Neugier zu betrachten – und zu sammeln.
Adolf Wölfli: Vom Verdingbub zum Weltenschöpfer
Der Psychiater Walter Morgenthaler beobachtete in der damaligen Irrenanstalt Waldau (heute Universitäre Psychiatrische Dienste Bern) etwa den Patienten Adolf Wölfli. Der ehemalige Verdingbub wurde als schizophren eingestuft – und schuf Tausende Zeichnungen und Collagen, in denen er nicht nur seine Kindheit neu erfand, sondern sich eine ganz neue Weltordnung ausmalte. Morgenthaler attestierte Wölflis Werk künstlerischen Wert und publizierte ein Buch über ihn.
Auch Jean Dubuffet war von Wölflii fasziniert. In Paris zeigte er 1948 einige seiner Zeichnungen. In der Lausanner Jubiläumsausstellung der Collection de l’Art Brut sind Wölflii zwei grosse Nischen gewidmet. Kein Wunder: Wölfli wurde zu einem Grundpfeiler in Dubuffets Art Brut-Sammlung, die ab den 1940er-Jahren entstand.
1971 ging die Sammlung als Schenkung an die Stadt Lausanne. Im Februar 1976 wurde die Collection de l’Art Brut gegründet – die erste Einrichtung dieser Art weltweit.
Der Zeitgeist formt auch die Art Brut
Die Ausstellung «Art Brut en Suisse» versammelt historische und zeitgenössische Arbeiten aus ihrer Sammlung. Sie gibt Einblick, wie sich die Definition psychischer Krankheit aber auch der Umgang mit Erkrankten im Lauf der Jahrzehnte gewandelt haben. Und sie zeigt, dass oft Menschen in der Psychiatrie landeten, die ohnehin benachteiligt waren. Wie zum Beispiel Aloïse Corbaz aus Lausanne.
Diese wollte eine Gesangsausbildung machen, musste jedoch als Dienstmädchen arbeiten. In rosaroten Bildern malte sie Erfolg und Liebesglück, die ihr im realen Leben verwehrt blieben.
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Bild 1 von 3. Aloïse Corbaz' (1886–1964) erste Werke wurden 1947 von Jean Dubuffet entdeckt und 1948 in die Sammlung der Compagnie de l’Art Brut aufgenommen. (Bild: ohne Titel [L'homme à l'écusson et la femme blonde],. Bildquelle: Aloïse Corbaz.
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Bild 2 von 3. In starken Farben malt Corbaz Paare im Liebesglück. Nach einer enttäuschenden Liebeserfahrung war sie einst als Gouvernante am Hof von Kaiser Wilhelm II. in Preussen und entwickelte eine fantasierte Liebesbeziehung zu ihm. (Bild: ohne Titel [Couple princier], ca. 1947). Bildquelle: Aloïse Corbaz.
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Bild 3 von 3. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs musste sie in die Schweiz zurückkehren, wo ihre stark ausgeprägten religiösen und pazifistischen Gefühle 1918 zur Einweisung in psychiatrische Kliniken führten. Dort begann sie, zu zeichnen und zu schreiben. (Bild: ohne Titel [Enlèvement d’une mariée de Gaule], zwischen 1946 und 1947). Bildquelle: Aloïse Corbaz.
Die Ausstellung zeigt noch etwas anderes: wie sehr Art Brut vom Zeitgeist geprägt ist. Nur weil Kunstschaffende eine psychische Erkrankung haben, bedeutet das nicht, dass sie von der Welt um sie herum nichts mitbekommen. Einige Arbeiten, die am Ende des Rundgangs zu sehen sind, könnten gut und gern aus den Ateliers ausgebildeter Künstlerinnen oder Grafiker ohne psychiatrischen Befund stammen.
Zum Beispiel die Acrylbilder von Clemens Wild. Der Berner Künstler malt auf Packpapier beinahe lebensgrosse Frauen in Arbeitskitteln – Reinigungskräfte, Handwerkerinnen – und schreibt kurze Texte dazu, in denen die fiktiven Frauen sich vorstellen. Die stilisierten Darstellungen wirken lebensnah. Man könnte sie sich gut in einer Graphic Novel oder auf einem Werbeplakat vorstellen.