Drei findige Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters entlarven nach aufwendiger Recherche angeblich Banksys Identität. Und die Welt trauert wie ein Kind, das den Glauben an den Weihnachtsmann verloren hat. Eine Auswahl an Reaktionen aus Presse und Social Media.
«Muss man jetzt einen Nachruf schreiben?»
Diese Frage stellt sich etwa Watson-Redaktorin Julia Stephan. Kaum war die Nachricht über Banksys Identität publik, wurde über das Ende eines Mythos spekuliert. Seine Anonymität, so der allgemeine Kanon, sei ein wesentlicher Bestandteil seiner Kunst und seines Erfolgs, und sie schütze seine Meinungsfreiheit, so sein Anwalt gegenüber Reuters. Eine Enthüllung könnte hingegen gar ein juristisches Nachspiel haben. Denn das Sprayen auf fremden Eigentum bleibt illegal. «Selten hat Investigativ-Journalismus unter Lesern so viel Zorn und Unverständnis ausgelöst», so Julia Stephan.
«Ist das Recherche oder kann das weg?»
Lilly Schröder sieht in ihrem taz-Kommentar in der Enthüllung keinen Erkenntnisgewinn, sondern lediglich das zerstörte Geheimnis eines Künstlers. Nicht die Identität Banksys sollte Schlagzeilen machen, lieber dass drei Journalisten «monatelang ihre Zeit mit einer derart sinnlosen und unmoralischen Jagd vergeudet haben». Diese inszenierten sich als grosse Aufklärer und veröffentlichten die Identität – gegen den Willen des Künstlers – unter Verweis auf ein angeblich grosses öffentliches Interesse. Ein öffentliches Interesse, das Schröder infragestellt.
«Es gibt wichtigere Aufklärungen und Enthüllungen. Etwa die Epstein-Akten»
In diese Recherche sollten Journalisten doch lieber ihre Energie stecken, kritisieren diverse Instagram-User. «Ehrenlose Aktion» heisst es auf Tiktok. Die meisten User scheinen sich wie Verbündete in einem grossen Geheimhaltungspakt zu fühlen. Nur ein paar wenige konnten das Unwissen wohl nicht aushalten.
«Banksys Name soll wieder zurück unter den Deckmantel des Geheimen»
Marco Maurer listet im Tagesanzeiger potenzielle Nachrichten auf, die man schlicht nicht lesen wolle, etwa, dass eine neue Pandemie ausgebrochen sei – oder die Identität von Banksy enttarnt. Das gehe, so Maurer, «sogar uns Journalisten so». Weisen sonst Banksys Werke auf auf etwaige Missstände hin, ist dieses Mal die Enthüllung seiner Identität der Missstand, auf den viele Journalisten hinweisen – und den man allzu gerne revidieren würde.
«Und ihr macht auch noch mit»
Immer wieder kritisieren Social-Media-User, dass so viele Medien das Thema überhaupt aufgreifen. Besonders interessant ist dabei das auffällige Schweigen der britischen Leitmedien. Auf den Webseiten der BBC oder des Guardian findet sich kein aktueller Artikel zu Banksy. Es war stets ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Künstler, Medien und Markt, mit der stillen Übereinkunft, dass die weitere Geheimhaltung im Interesse aller sei. Die Reuters-Journalisten waren auch nicht die ersten, die über Banksys Identität berichteten.
«Und was haben wir jetzt davon? Die Gefahr, dass keine neue Kunst mehr von Banksy entsteht»
In diesem Kommentar auf dem Instagram-Kanal der Zeit stellt ein User die Gretchenfrage: Wie weiter? Die Enthüllung wirkt wie ein kurzsichtiger Versuch, die Gans, die goldene Eier legt, für einen einzigen Festbraten zu schlachten. Wirklich Positives lässt sich aktuell wohl wirklich vor allem über die hohen Klickzahlen sagen. Banksy selbst hat übrigens noch nicht reagiert. Die grosse Schnitzeljagd also noch nicht ganz vorbei.