Jahrelang hat die Kunstwelt über die Identität des Streetart-Künstlers Banksy gerätselt. Nun ist er anscheinend enttarnt: Drei Reuters-Journalisten haben monatelang recherchiert und unter anderem alte Polizeiakten eingesehen, die er mit seinem Namen unterschrieben hatte: Robin Gunningham, geboren 1973 in Bristol. Laut der Recherche änderte Banksy seinen Namen später in David Jones. Banksy-Experte Ulrich Blanché ist überzeugt: Die Enttarnung werde kaum jemanden von Banksy-Käufen abhalten.
SRF: Für wie überzeugend halten Sie es, dass Banksy durch die aktuelle Recherche enttarnt worden ist?
Ulrich Blanché: Was die Journalisten herausgefunden haben, entspricht aus meiner Sicht den Tatsachen. Inwieweit man wirklich von einer Enttarnung sprechen kann, ist allerdings eine andere Frage. Wir wissen, dass der Künstler bis 2022 den Namen David Jones geführt hat. Es kann sein, dass er sich mittlerweile wieder umbenannt hat – man kann also weiterhin nicht einfach vor seiner Tür auftauchen und ihm eine Kamera vor die Nase halten. Obwohl die Reuters-Journalisten versucht haben, ihre Spuren zu verwischen, könnte dieser Artikel nun etwas auslösen: Dass etwa weniger seriöse Journalisten diese Spur aufnehmen und ihm Paparazzi-mässig das Leben zur Hölle machen.
SRF: Sie meinen also, man kann nicht wirklich von einer Enttarnung sprechen – weil er seinen Namen zu einem britischen «Allerweltsnamen» geändert hat und man ihn deshalb nicht leicht ausfindig machen kann?
Genau. Hinter dem britischen Allerweltsnamen «David Jones» kann man sich gut verstecken. Deswegen hat er den Namen wahrscheinlich gewählt. Im Namen steckt aber auch «David gegen Goliath» – ein Thema, auf das Banksys Werke ja oft anspielen: Der berühmte Blumenwerfer etwa wurde in diese Richtung interpretiert.
«Jones» ist zudem auch der Nachname seiner Mutter. Und er beinhaltet viele popkulturelle Anspielungen. Die bekannteste ist wohl jene, dass der Musiker David Bowie eigentlich David Jones hiess – Bowie hat Banksy früh unterstützt und seine Werke auch gesammelt. Banksy macht nun den umgekehrten Weg – macht sich also Bowie zu eigen und nimmt wiederum dessen Name an. Eine sehr schöne Verkettung popkultureller Referenzen.
Die Faszination für Banksys Kunst hat auch vom Rätsel um seine Person gelebt. Was bedeutet es für das «Phänomen Banksy», wenn sich nun plötzlich ein Namen damit verbinden lässt?
Bereits 2008 gab es eine erste Banksy-Enthüllung, die nun durch die Reuters-Journalisten bestätigt worden ist. Trotzdem wurden 2008 Banksy-Werke für teures Geld gekauft. Die Enttarnung hat bisher niemanden von Banksy-Käufen abgehalten – das gilt auch jetzt: Ich glaube, der Marktwert von Banksys Kunst wird kaum sinken. Anders wäre es wohl, wenn Banksy jetzt an die Öffentlichkeit gehen und sagen würde: «Hier bin ich. David Jones. Ich trete jetzt in Talkshows auf.» Das würde ihn wohl massiv schädigen. Doch davon ist er weit entfernt, weswegen ich mir da wenig Sorgen mache.
Wird sich Banksy weiterhin so dezidiert politisch äussern können wie bisher?
Er hat sich 2008 bei der ersten Enttarnung nicht davon abhalten lassen – und er lässt sich wohl auch jetzt nicht davon abhalten. Banksy wird sicher seine Sicherheitsvorkehrungen treffen. Wenn er jetzt irgendwo Graffiti hinmacht, sind die meisten Leute ja froh: Sie rufen nicht die Polizei an, sondern das Auktionshaus Sotheby's und fragen, wie man das Ganze zu Geld machen kann.
Das Gespräch führte Katharina Brierley.