Der Privatdetektiv «Alack Sinner» dürfte José Muñoz’ berühmteste Figur sein. Von 1977 bis 2006 hat der Zeichner mit dem Texter Carlos Sampayo acht Bände mit dem desillusionierten und kämpferischen «Sünder» veröffentlicht. Strikt in Schwarzweiss, ohne Schattierungen und Schraffuren, ohne Farbe. Harte Stadtgeschichten voller Gewalt, Korruption, Armut, Drogen und Rassismus – und zum Glück auch mit Liebe und Freundschaft.
José Muñoz ist ein grosser Humanist. Um die Menschen geht es ihm, um Menschlichkeit. Die aktuelle Welt «bringt einen zum Schluchzen», sagt er im Gespräch: «Es gibt viele Risse und Brüche, viele unnötige Konflikte, viel Dummheit, die die Menschen bedroht.» Das hat sich seit «Alack Sinner» und den menschlichen Niedrigkeiten, die darin auftauchen, nicht geändert.
Kunst sei die Möglichkeit, der grausamen Realität durch die Kraft der Fantasie zu entfliehen. «Ich habe mich in den letzten Jahren viel mit dem Malen von Bäumen beschäftigt und mich ein wenig von den Menschen entfernt», sagt José Muñoz. Denn: «Wir Menschen beschränken uns darauf, die blutigen Irrtümer zu wiederholen, aufgrund von schädlichen Leidenschaften, die wir nicht zügeln können. Wir haben eine Bestie in uns, die nach Blut verlangt.»
Die Menschen
Immer im Zentrum bei Muñoz’ früheren zeichnerischen Arbeiten, von denen in der Retrospektive einige zu sehen sind: die Menschen. Auch in seinen Comic-Biografien der Jazz-Sängerin Billie Holiday (1991) und des Tango-Sängers Carlos Gardel (2007–2010). Oder in seinem Zyklus rund um «Joe’s Bar» (1981–2002). Deren Gäste kommen im Leben mehr schlecht als recht zurecht.
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Bild 1 von 3. Konsequent in Schwarz-Weiss gehalten: die Biografie der Jazzlegende Billie Holiday. Bildquelle: José Muñoz, «Billie Holiday», Casterman, Paris, 1991 .
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Bild 2 von 3. Zeichnung der philosophischen Abhandlung «L'Étranger» von Albert Camus. Der Strich ist etwas sanfter als sonst. Es illustriert den verzweifelten Weg der Menschen zu sich selbst. Bildquelle: José Muñoz, «L'Étranger», 2012 Futuropolis Gallimard, Paris, 2012.
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Bild 3 von 3. Dass Muñoz auch ganz anders kann, zeigt diese farbige Abbildung von 1986, ein Cover für das Magazin «Linea d’Ombra». Bildquelle: José Muñoz, «Apogeo», 1986, Courtesy Galleria Nuages.
José Muñoz hat mit seinen Bildergeschichten eine wahre «comédie humaine» geschaffen, ein Pandämonium der Leidenschaften … «Broken voices», gebrochene oder zerbrochene Stimmen, den Ausstellungstitel findet er «perfekt».
Ein Raum in der Ausstellung gehört seinen Portraits. «Träume und Erinnerungen» seien sie. Hier zeigt sich eine weichere Seite von José Muñoz. Ebenso in den Illustrationen zu Albert Camus’ «L’Etranger» (2012) und «Le premier homme» (2013). Fein gezeichnet von einem, der in den 1970er-Jahren von einem beruflichen Aufenthalt in Europa nicht mehr nach Argentinien zurückgekehrt ist, weil dort ab 1976 eine Militärdiktatur wütete.
Muñoz blieb in Europa und begegnete 1974 in Spanien einem Landsmann, dem Schriftsteller Carlos Sampayo. Seit 50 Jahren pflegen die beiden eine enge Freundschaft und eine fruchtbare kreative Partnerschaft. Selbst beeinflusst von Künstlern wie Alberto Breccia und Hugo Pratt, wurde Muñoz’ Arbeit ihrerseits stilbildend für viele Comic-Schaffende, etwa für die «Zürcher Schule» ab den frühen 1980er-Jahren, für Andrea Caprez, Peter Beder und Thomas Ott.
Und schliesslich doch noch etwas Farbe
Doch José Muñoz kann auch anders, wie seine jüngeren Arbeiten beweisen. In den letzten Jahren hat er nämlich kaum mehr Comics gezeichnet, sondern vor allem menschenleere Landschaften gemalt, farbig, mit Aquarellfarbe und Pastellkreide: Wiesen, sanfte Hügel, Bäume, Wälder, Wege.
Die Farben- und Formensprache erinnert an einen Maler, dessen Werk ihn seit seiner Kindheit begleitet: Vincent van Gogh. Melancholie und eine Sehnsucht nach einer besseren Welt sind darin spürbar, vielleicht Altersweisheit. «Wir müssen uns mehr um die Schönheit kümmern», sagt er, «uns kümmern um die Dinge, die uns guttun und uns erfreuen».