Alle waren sie da: die ganze Prominenz aus Hollywood. Von Schauspielgrössen wie Tom Hanks über Sängerin Alicia Keys und Model-Mama Heidi Klum bis zum Ex-Google-CEO Eric Schmidt. Niemand wollte sich das einmalige Erlebnis entgehen lassen, bei der Eröffnung des grössten Museums in Los Angeles dabei zu sein. Auch wenn der Name «Soom-thor» immer wieder Schulterzucken auslöste. «Who?»
Doch er war da und der eigentliche Star des Abends: Architekt Peter Zumthor. Er hat den Bau entworfen, der die Gemüter der Angelinos in den vergangenen Jahren bewegte. Ein neues Museum auf einem einzigen Stockwerk in zehn Metern Höhe, das sich in alle Richtungen amöbenartig ausbreitet. Man könnte es auch einen «Blob» nennen, ohne Vorder- und Rückseite, einfach einen sich ausdehnenden Pilz, so wie die Stadt selbst, die sich in alle Richtungen immer weiter vergrössert.
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Bild 1 von 7. Der Zumthor-Neubau des Los Angeles County Museum of Art: ein Sichtbetonbau mit umlaufendem Fensterband. Bildquelle: Keystone / EPA / FEDERICO GAMBARINI.
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Bild 2 von 7. Überkragende Decken dienen als Sonnenschutz …. Bildquelle: Keystone / AP Photo / Damian Dovarganes.
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Bild 3 von 7. … und beschatten die Innenräume bei gleichzeitigem Ausblick auf LA. Bildquelle: Keystone / AP Photo / Damian Dovarganes.
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Bild 4 von 7. Der Neubau fasst die David Geffen Galleries – benannt nach dem bekannten Musik- und Filmproduzenten sowie Philanthropen David Geffen, der für den Bau gespendet hat. Bildquelle: IMAGO / Agencia EFE.
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Bild 5 von 7. Der Bau (hier während der Bauphase) legt sich wie eine Blase über die Stadt und überspannt auch einen mehrspurigen Boulevard. Bildquelle: Getty Images / Brian van der Brug.
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Bild 6 von 7. Das Museum zeigt Objekte aus aller Welt, die verschiedene Kulturen repräsentieren. Bildquelle: IMAGO / Agencia EFE.
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Bild 7 von 7. Die Ausstellungsstücke sind dabei unkonventionell angeordnet: nicht nach Regionen sortiert, sondern bunt gemischt. Bildquelle: IMAGO / Agencia EFE.
Niemand hatte ihm das zugetraut, dem Architekten aus den Bündner Bergen, der das grösste Museum der Westküste bauen sollte: das Los Angeles County Museum of Art (LACMA). Obwohl mit dem Pritzker Prize geehrt und mit einigen renommierten Museumsbauten im Portfolio, überstieg die schiere Grösse des Museums seine bisherigen Bauten um ein Vielfaches.
Etwas bauen, das bleibt
Zumthor galt bisher als Boutique-Architekt, der kleine Juwelen baute, detailversessen, materialverliebt und mit einer Autorenhandschrift, die den Meister erkennen liess. Die Metropole Los Angeles ist so ziemlich das Gegenteil von alledem: oberflächlich, ungenau, Massenware.
Und da steht es nun, das Bauwerk. Zumthor betont bei der Eröffnung immer wieder, er habe etwas bauen wollen, das steht, das bleibt, das Bestand hat in einer Stadt der Vergänglichkeit. Und so hat er einen Betonbau entworfen, massiv, geschwungen, auf mehreren Sockeln in der Höhe stehend. Es schwebt und ist doch fest im Boden verankert, soweit das im seismischen Krisengebiet Los Angeles geht.
Lichtdurchflutete Wandelgänge
Das Museum besteht aus zwei grossen Platten, dazwischen ein Fensterband, welches das Gebäude auf allen Seiten abschliesst. Museumsdirektor Michael Govan wollte einen Bau auf einer Ebene mit viel Licht. Bekommen hat er eine 360-Grad-Panoramasicht mit überhängender Betondecke, die etwas Schatten vor der südkalifornischen Sonne bringt.
Im Inneren halten die Galerieräume den Bau zusammen. Das Publikum wandelt entlang der Fenster (es gibt auch durchlässige Vorhänge), um sich die grossen Kunstobjekte anzusehen. Braucht es mehr Intimität oder weniger Licht, rückt man immer weiter ins Innere, bis sich ganz intime Räume auftun, die fast dunkel sind, wo nur die Farben der Wände noch etwas Licht hineinbringen.
Denn nicht alles ist grau in diesem doch sehr starken Statement aus Beton. Zumthors Rettung waren Farben aus der Schweiz. Denn nur dort fand er die feinen Pigmente, die den Beton sichtbar lassen würden und genug leuchteten. In diesen Räumen spürt man die berühmte Atmosphäre, die Zumthors Bauten so bekannt gemacht haben.
Der taktile Architekt
Da ist das Bad in Vals, dessen Valser Gneis die Besucher für ewig in den Räumen verweilen lässt. Da ist die Kirche in Sumvitg – aus Holz und Schindeln gebaut – die diese Ruhe ausstrahlt. Da ist die Kapelle in der Eifel, wo das Innere ausgeräuchert wurde, sodass die Wände ein Gefühl des Sakralen vermitteln. Und da ist das Kolumba-Museum, wo er das neue Gebäude auf die alten Ruinen baute.
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Bild 1 von 4. 1996 eröffnete die von Peter Zumthor entworfene Therme Vals. Von aussen trutzig anmutend …. Bildquelle: KEYSTONE / Gaetan Bally.
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Bild 2 von 4. … wirkt der Bau im Inneren tatsächlich wohlig beschützend. Bildquelle: KEYSTONE / Martin Ruetschi.
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Bild 3 von 4. Dabei bietet das Thermalbad auch lohnende Blicke ins bündnerische Vals …. Bildquelle: KEYSTONE / Martin Ruetschi.
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Bild 4 von 4. … und ist, dank der hervortretenden Verwendung lokaler Naturmaterialien, gleichsam minimalistisch und sehr authentisch. Bildquelle: KEYSTONE / Martin Ruetschi.
Zumthor ist der Taktile unter den Architekten. Seine Türen, seine Handläufe – alles meist handgefertigt. Er will, dass man das Gebäude spürt, wenn man es betritt. Dafür wurde Zumthor von Museumsdirektor Michael Govan persönlich ausgewählt. Am Anfang stand kein Wettbewerb, sondern ein Auftrag.
Die Zusammenarbeit begann schon vor 20 Jahren, als Govan nach Los Angeles berufen wurde und nur hinging, als er Zumthors Zusage hatte, dass er ihm ein Museum bauen würde. Die Idee: ein Museum, das auf einer Ebene stattfindet, wo alles gleichberechtigt ausgestellt werden kann.
Weltkunstgeschichte auf einem Stockwerk
Das LACMA ist ein enzyklopädisches Museum, vergleichbar mit dem Metropolitan Museum oder dem Louvre, wenn auch längst nicht so bedeutend. Die Schätze reichen von chinesischem Porzellan über indigene Teppichkunst und Möbel des Jugendstils bis hin zur westlichen Gegenwartskunst.
Bisher wurde klar nach Regionen unterteilt, neu sollte sich alles mischen, man würde sich inspirieren lassen von der Kunst und so von einer Weltregion zur anderen wandeln. Die Weltkunstgeschichte auf einem Stockwerk. Ein gewagtes Experiment und eine neue Museumserfahrung.
Zumthor nannte seinen ersten Entwurf «Black Flower», in Anlehnung an die nahegelegenen Asphaltseen, die bis heute wichtige Fossil-Fundstellen sind. Die Ausdehnung seines Gebäudes ging den Nachbarn aber dann doch zu weit, weshalb er es zurückstutzen musste.
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Bild 1 von 7. Peter-Zumthor-Architektur in der Alten Welt: die Kapelle Caplutta Sogn Benedetg zwischen Bauernhäusern in bündnerischen Sumvitg. Bildquelle: KEYSTONE / Arno Balzarini.
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Bild 2 von 7. Der tropfenförmige Holzbau integriert Elemente der lokalen Bauweise und ist gleichzeitig traditionell und modern. Bildquelle: KEYSTONE / Arno Balzarini.
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Bild 3 von 7. Im Innern schaffen Oberlichter und der vielfältige Einsatz von Holz eine warme und leichte Atmosphäre. Bildquelle: KEYSTONE / Arno Balzarini.
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Bild 4 von 7. Die Bruder-Klaus-Feldkapelle im deutschen Mechernich-Wachendorf ist ein minimalistischer Blockbau. Bildquelle: Kateer / Wikimedia Commons.
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Bild 5 von 7. Zumthors fensterloser Turmbau thront über einem fünfeckigen Grundriss. Der Innenraum wirkt wie eine Höhle. Bildquelle: IMAGO / Arcaid Images.
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Bild 6 von 7. Das Kolumba-Museum in Köln: In den Neubau des Kunstmuseums des Erzbistums Köln integrierte Peter Zumthor die Ruinen vorheriger Bauten …. Bildquelle: Keystone / AP Photo / Roberto Pfeil.
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Bild 7 von 7. ... was auch im Inneren des Gebäudes deutlich zu erkennen ist. Bildquelle: Keystone / EPA / FEDERICO GAMBARINI.
Bald blieb dem LACMA nichts anderes übrig, als das gesamte Gebäude über die Verkehrsachse des Wilshire Boulevards zu ziehen. Jetzt war es keine Blume mehr, sondern spannte sich wie eine Brücke auf die andere Strassenseite. Auch das führte zu Kritik: Ein Museum sei keine Brücke, dieser rohe Betonbau kein Infrastrukturprojekt, und das viele Licht schade den Kunstwerken.
Doch wer durch das Museum läuft, geniesst diese Blickachsen über die Strasse zum anderen Ende des Gebäudes. Auch wenn die Kuratoren mit dem Licht kämpfen werden, ein amerikanisches Museum, das nicht durch unerträgliches Kunstlicht verschandelt wird, ist eine Wohltat.
Mit Zumthor durch die Räume zu gehen, ist ein Vergnügen: Er sieht die Fehler, die Risse und die Besonderheiten seines fertigen Baus und wie die Farben ihre Leuchtkraft erhalten haben. Mit dem Tennisschläger in der Hand lässt er sich nach draussen begleiten, denn der 82-jährige Architekt will nach dem ersten grossen Rummel noch ein paar Bälle spielen.