Ein Fotoband zeigt die Schweiz und ihre grosse Liebe zur Autobahn

Agglomerationen und Autobahnen – so liesse sich die Geschichte der hiesigen Landschaft seit den 1950ern knapp auf einen Nenner bringen. «Von Agglomerationen und Autobahnen» – so heisst auch das Buch der Historikerin Verena Huber Nievergelt. Auf hunderten Fotos zeigt es, wie die Zersiedelung begann.

Die Agglomeration – die mag eigentlich niemand so richtig. Und trotzdem, so rechnet uns das Bundesamt für Raumentwicklung vor, leben drei Viertel der Schweizer Bevölkerung genau in diesem Speckgürtel. Ein Speckgürtel, der weder Fisch noch Vogel, der weder Stadt noch Land ist.

Schweizer Autobahnen seit 1955

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Buchhinweis

Verena Huber Nievergelt: «Von Agglomerationen und Autobahnen. Fotografische Diskurse zur Siedlungslandschaft der Schweiz 1960 bis 1991», Verlag Hier + Jetzt, 2014.

Möglich gemacht hat diesen Speckgürtel die Autobahn. Später dann vor allem auch das fein ausgebaute S-Bahn-Netz. Am 11. Juni 1955 wurde die erste Autobahn in der Schweiz bei Luzern eröffnet und diente zur Umfahrung von Horw. Eine vierspurige Strasse, frei von lästigen Kreuzungen: Ein «Wunderwerk», ein «ganz neues Fahrerlebnis», hiess es damals. Auch an der Expo 1964 in Lausanne wurden auf Fotografien die vielen neuen und eleganten Autobahnschleifen bewundert. Am liebsten aus der Luft.

Überwindung topografischer Hindernisse

Die Autobahn galt in den 1960er-Jahren nicht als Zerstörerin der Landschaft. Vielmehr sah man in ihr ein neues Element ebendieser. Genau diese zustimmende, ja geradezu euphorische Haltung erkennt man deutlich in Bild-Aufnahmen. Das zeigt die Fotohistorikerin Verena Huber Nievergelt in ihrem Buch «Von Agglomerationen und Autobahnen»: Der Fortschritt wurde gerne aus der Vogelperspektive dokumentiert, bei den Brücken waren spektakuläre Untersichten beliebt – sie symbolisieren die Überwindung topografischer Hindernisse.

Mit der Ölkrise in den 1970er-Jahren kam der Knick: Ein kritisches Hinschauen war gefragt, suggestive Fotomontagen waren mögliche Antworten. Wachstums-kritische Publikationen wie jene des Zürcher Architekten Rolf Keller entlarvten mit tristen schwarz-weissen Aufnahmen die Bauwut vergangener Hochkonjunktur. Als Kontrast dazu dienten blass-farbige Fotografien, die die neue Welt in grossen Siedlungen wie das Tscharnergut in Bern propagierten: Orange leuchten die Storen an den betongrauen Fassaden, am Abstandsgrün vorbei spazieren Schulkinder mit farbigen Schulranzen.

Das Schöne im Hässlichen

Die Fotohistorikerin Verena Huber Nievergelt hat Zeitungen – unter anderem die Wochenendbeilagen der «NZZ» und «Das Magazin» des «Tages-Anzeigers» – zwischen 1960 und 1991 durchforstet. Sie zeigt, wie die Schweiz zu einem Land der Agglomeration geworden ist. Und wie diese rasante Veränderung in den Medien jeweils wahrgenommen wurde.

Warum hat Huber Nievergelt ihre Spurensuche nur bis 1991 betrieben? Ganz einfach: In den 1990er-Jahren entdeckten Künstler wie Fischli/Weiss oder Nicolas Faure das Agglo- und Autobahn-Phänomen und das Schöne im Hässlichen. Fischli/Weiss überraschen mit ihren Streifzügen durch die Agglo, der Genfer Fotograf Nicolas Faure dokumentiert das Autoland Schweiz. Und Verena Huber Nievergelt: Sie erzählt uns die Vorgeschichte.

Sendung: Kultur Kompakt, Radio SRF 2 Kultur, 14.11.2014, 8:10 Uhr