Zum Auftakt des neuen Lucerne Festival «Pulse» sind Ólafur Elíasson, der international gefragte Lichtkünstler, und Víkingur Ólafsson, Pianist und Kurator von «Pulse», drei Tage lang zu Gast in einer kleinen Kirche in Meggen bei Luzern.
Ólafur Elíasson, der unter anderem in London, Paris und New York mit seinen Lichtinstallationen Erfolge feiert, reagiert mit seiner Lichtkunst live auf die Musik seines Künstlerfreundes Víkingur Ólafsson. Dieser spielt Bachs Goldberg-Variationen. Mit denen hat er bereits auf einer Welttournee begeistert. Seine Album-Einspielung stürmte die Klassik-Charts.
Klassische Musik – ein Teenager
Víkingur Ólaffson wird «Pulse» drei Jahre lang leiten. Er will Überraschendes zeigen und Begegnungen schaffen. Das Motto seiner ersten Ausgabe «time and space» steht für seine Überzeugung, dass klassische Musik nicht klassisch, sondern modern ist: «Was sind schon 200 oder 300 Jahre? Klassische Musik ist immer noch ein Teenager, sie entwickelt sich laufend weiter», sagt Olafsson im Gespräch vor der Festivaleröffnung.
Diese Modernität zeigt er im Konzertprogramm. Klassische Musik trifft da immer wieder auf zeitgenössische Musik oder Kunst. Zum aufsehenerregenden Eröffnungsprojekt mit Elíasson sagt er: «Begegnungen sind immer Überraschungen. Wenn sich Musik und Licht begegnen, ist es genau so, wie wenn sich Menschen begegnen. Es entsteht etwas Neues».
Elíasson bespielt sonst grosse Ausstellungshallen und öffentliche Räume, wie bei seinem «The Weather Project» 2003/04 in der «Tate Gallery» London. In der Turbinenhalle installierte er eine riesige künstliche Sonne.
Dass der gefeierte Starkünstler live in der Piuskirche in Meggen auftritt, ist ein Glücksfall für das neue Festival. Die Architektur der Kirche aus den Sechzigerjahren fasziniert Elíasson schon lange: Sie besteht rundum aus fensterlosen Wänden aus farbig gemasertem, transparentem Marmor. Bei Tag entsteht ein einzigartiges Licht- und Farbspiel.
Der Raum tanzt
Elíasson rückt nicht nur die Musik, sondern auch den Kirchenraum in ein komplett neues Licht. Nach Einbruch der Dunkelheit bestrahlt er beim Konzert die Marmorwände von aussen. Seine Lichtprojektionen mit geometrischen und verfliessenden Mustern erzeugen ein Licht- und Schattenspiel, das ganz auf Ólafssons Spiel und die Strukturen von Bachs 32 Goldberg-Variationen abgestimmt ist. Fast wie in einer Choreografie bringt er den Raum mit seiner Stahlkonstruktion zum Tanzen.
Ólaffson spielt Bachs Werk beeindruckend: fünfundsiebzig Minuten ohne Pause, voller überraschender, farbenreicher Nuancen. Spürbar ist seine emotionale Nähe zu den Goldberg-Variationen. Für ihn sind sie wie ein Lebenszyklus, der jedes Mal von Neuem beginnt. Durch sein packendes Spiel wirkt Bachs Komposition zeitlos und modern.
Elíassons Lichtinszenierung nimmt genau dies auf. Wie ein optisches Echo auf die Musik breitet sie sich im Raum aus. Manche Visualisierungen waren dabei stimmiger andere weniger. Manches fein und treffend, anderes plakativ. Insgesamt ist in Meggen ein immersives Gesamtkunsterlebnis entstanden. Ob es das braucht, ist fraglich. Am Ende bleibt Bachs zeitlose Musik. Sie kommt auch ganz ohne Bilder aus.