Zum Inhalt springen

Header

Audio
Leben im Wald – der Aussteigerkünstler Armand Schulthess
Aus Kontext vom 14.12.2021.
abspielen. Laufzeit 26 Minuten 40 Sekunden.
Inhalt

Künstler Armand Schulthess Der Aussteiger, der im Tessiner Wald eine eigene Welt erschuf

Ein Beamter baut sich in einem Tessiner Wald seine eigene Welt auf und inspiriert eine ganze Generation. Wer war der Aussteigerkünstler Armand Schulthess?

Nichts ist geblieben von der Vision, der Armand Schulthess sein Leben widmete. Nachdem der Einsiedler und Aussteiger 1972 gestorben war, verbrannten die Erben fast alles. Nur einzelne seiner Plättchen, Schilder und selbstgemachten Bücher konnten gerettet werden.

Während mehr als 20 Jahren hatte Schulthess ein steiles Waldgrundstück im Tessiner Onsernonetal in eine umfassende Enzyklopädie verwandelt. Von Ästen und Stämmen baumelten Plättchen, Schilder, Zettel, die Wissen aus allen Themenbereichen zusammenfassten: von Geologie über Astrologie und Biologie bis hin zu Astrophysik, Musik und Literatur.

Beschriftete Plättchen hängen von einem Baum
Legende: Was hält die Welt zusammen? Armand Schulthess war auf der Suche nach dem grossen Zusammenhang. Ingeborg Lüscher, 1972 / © 2021, PRO LITTERIS, ZÜRICH

Armand Schulthess wurde 1901 in Neuchâtel geboren und wuchs bei Adoptiveltern auf. Er machte sich selbstständig, führte mehrere Damenkonfektionsgeschäfte und litt unter der Weltwirtschaftskrise. In den 1940er-Jahren kam er in der Bundesverwaltung unter.

Ausstieg von langer Hand geplant

Den Plan, auszusteigen, musste er über längere Zeit gehegt haben. Stück um Stück kaufte er Land im Onsernonetal. 1951 verliess er sein Beamtenleben und baute seinen Wald auf. Die spärlichen Eckdaten seines Lebens sammelte die Künstlerin Ingeborg Lüscher, die Ende der 1960er-Jahre Kontakt zu Schulthess fand.

Älterer Herr mit Dreitagebart, Mantel und Hut
Legende: Scheuer Eremit: Kaum jemand kam Armand Schulthess so nah wie die Künstlerin Ingeborg Lüscher. Ingeborg Lüscher, 1972 / © 2021, PRO LITTERIS, ZÜRICH

Schulthess’ Enzyklopädie faszinierte Lüscher, auch wenn sie dabei zunächst nicht an Kunst dachte. Sie dokumentierte den Wald wie auch ihre Gespräche mit dem Einsiedler und gab 1972 das Buch «Dokumentation über A.S.» heraus. Dieses Jahr wurde das Buch neu herausgegeben.

Mit Lüschers Buch begann Schulthess’ Karriere als Künstler. Der Aussteiger, der am Rand der Gesellschaft ein Ordnungssystem für eine Welt errichtete, die in lauter heterogene Teile zerfällt, inspirierte die Sinnsucherinnen und Sinnsucher der 68er-Generation.

Ingeborg Lüscher zeigte ihre Installation über Armand Schulthess auf der documenta 1972 und wurde dadurch als Künstlerin breiter bekannt. Im Kurator der documenta, Harald Szeemann, fand Lüscher ausserdem ihren späteren Mann. «Mein Leben wäre ohne Schulthess völlig anders verlaufen», sagt sie heute.

Wanderschuhe in Nahaufnahme
Legende: Ingeborg Lüscher ist bis heute fasziniert von Armand Schulthess' Universum. Ingeborg Lüscher, 1972 / © 2021, PRO LITTERIS, ZÜRICH

Das Interesse an alternativen Lebensentwürfen und Welterklärungen beförderte die Entdeckung von Künstlerinnen und Künstlern, die ausserhalb des Kunstsystems produzieren. Armand Schulthess ist neben Adolf Wölfli einer der bekanntesten Vertreter in der Schweiz. 

Projektionsfläche für Sehnsüchte

Markus Landert vom Kunstmuseum Thurgau hat sich auf Aussenseiter-Kunst spezialisiert. Künstlerinnen und Künstler wie Schulthess seien perfekte Projektionsflächen für eigene Sehnsüchte, sagt er. Auch darum faszinierten ihre Werke.

Es ist unbekannt, ob sich Armand Schulthess selbst als Künstler sah. Auch was er darüber dachte, dass sein Wald als Kunstwerk gesehen wird, bleibt sein Geheimnis. Kurze Zeit nach seiner Entdeckung durch die Kunstwelt fand man den Aussteiger tot in der Natur auf.

Video
Armand Schulthess: Irrgärtner des menschlichen Wissens
Aus Kulturplatz vom 27.04.2011.
abspielen. Laufzeit 6 Minuten 24 Sekunden.

Buch- und Ausstellungshinweis

Box aufklappen Box zuklappen

Das Kunstmuseum Thurgau in der Karthause Ittingen zeigt noch bis 19.12.2021 in der Ausstellung «Jenseits aller Regeln – Aussenseiterkunst, ein Phänomen» Werke von Schweizer Aussenseiterkünstlerinnen und -Künstlern. Der Katalog zur Ausstellung von Herausgeber Markus Landert ist bei Scheidegger & Spiess erschienen (2021).

Podcast Kontext

Das ganze Leben – vielschichtig, kritisch betrachtet

Weitere Audios und Podcasts

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 14.12.2021, 09:03.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen