Grönland hat gerademal rund 56'000 Einwohner, das entspicht in etwa der Einwohnerzahl von Biel. Kein Wunder: Der grösste Teil der Insel ist lebensfeindlich. Dennoch hat sich dort über Jahrtausende eine widerstandsfähige Kultur entwickelt, die auch den Schweizer Fotografen Markus Bühler fasziniert.
Seit drei Jahrzehnten reist er nach Qaanaaq, die als nördlichste Stadt der Welt gilt. Seine neuesten Fotos sind aktuell in der Ausstellung «An der Eiskante – Unterwegs in Nordgrönland» im Nordamerika Native Museum Zürich zu sehen.
Politisch gehört Grönland zwar nicht zu Nordamerika, aber der Abstand zwischen Kanada und Grönland beträgt nur um die 25 Kilometer. Und die kulturelle Verwandtschaft? «Die ist natürlich sehr eng», sagt Heidrun Löb, Museumsleiterin und Kuratorin.
Heute ist Grönland ein selbstverwaltetes Territorium innerhalb des Königreichs Dänemark. Über Tausende von Jahren hat es eine Jägerkultur hervorgebracht, die das Überleben nördlich des Polarkreises ermöglicht. Gejagt werden Robben, Narwale und Eisbären.
Generationenübergreifendes Projekt
Vor 30 Jahren hat Fotograf Markus Bühler diese Kultur zum ersten Mal dokumentiert. Seither reist er immer wieder in den hohen Norden, letztes Jahr erstmals zusammen mit seinem 19-jährigen Sohn Nils, einem angehenden Filmemacher.
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Bild 1 von 4. Markus Bühler, der die Region seit über zwanzig Jahren dokumentiert, ist dabei fast beiläufig zum Grönland-Chronisten geworden. Bildquelle: NONAM/Markus Bühler.
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Bild 2 von 4. Ein Musher mit seinem Gespann. Dieser Begriff bezeichnet den Menschen, der ein Hundeschlittengespann lenkt. Er steht auf dem Schlitten und lenkt die Hunde nur durch gerufene Kommandos, die vom Leithund umgesetzt werden müssen. Bildquelle: NONAM/Markus Bühler.
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Bild 3 von 4. Wo die Welt stillzustehen scheint: Die Arktis ist von der Natur und dem Wetter bestimmt, unvorhersehbar und ganz im Rhythmus des Augenblicks. Bildquelle: NONAM/Markus Bühler.
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Bild 4 von 4. Fasziniert vom Leben im hohen Norden dokumentiert Bühler die Inuit im Wandel der Zeit. Seine Bilder erzählen von einer Welt, die sich rasant verändert und von Menschen, deren traditionelle Lebensweise als Jäger bedrohter ist denn je. Bildquelle: NONAM/Markus Bühler.
Die beiden kehrten mit beeindruckenden Fotografien zurück – und mit einem Dokfilm, der erzählt, wie die Jägerkultur unter den Jungen ein Revival erfährt. Sie besuchten den Ort Qaanaaq im Norden von Grönland. Noch vor zehn Jahren sah es danach aus, als würde die Jagdkultur verschwinden, erzählt Markus Bühler. Doch inzwischen zeigt sich ein anderes Bild: «In der letzten Ausstellung habe ich die jugen Leute noch interviewt und dazu befragt, warum sie nicht mehr Jäger werden wollen. Die sind jetzt alle an der Eiskante, gehen jetzt alle jagen.»
Der Dokfilm des Sohns und die Fotografien des Vaters greifen ineinander: Markus Bühler setzt die Menschen in Szene: die unverzichtbaren Schlittenhunde, die treibenden Eisberge. Sohn Nils fokussiert mit seinem Film auf die Jäger-Novizen auf die Weitergabe von Wissen und Erfahrung.
Zurück in der Schweiz, verfolgt die Bühlers ein Thema, das auch bei ihrem Besuch ständig präsent war: der Klimawandel. Die beiden stehen weiterhin im Kontakt mit den Jägern in Grönland. Diese lassen sie wissen, dass das Eis immer später zufriert und früher aufbricht. Damit haben die Jäger weniger Zeit, um auf dem Eis zu jagen. «Das stellt sie vor grosse Herausforderungen: Sie müssen neue Wege finden und sich anpassen», erklärt Nils Bühler.
Grönlands ungewisse Zukunft
Entschiedene Gelassenheit ist eine Fähigkeit, die Grönländerinnen und Grönländer auszeichnet, das bestätigt auch Markus Bühler. Vielleicht hilft sie auch im Umgang mit der Bedrohung durch den US-Präsidenten. Die Bühlers haben ihre gröndländischen Freunde gefragt, was sie dazu sagen, dass Trump nach Grönland will: «Die Frage war immer sehr schnell beantwortet mit ‹Nein – wollen wir nicht›. Damit war das Thema für sie abgeschlossen», meint Markus Bühler.
Wer sich auf Markus Bühlers einfühlsame Fotografien vom äussersten Rand der Zivilisation einlässt und wer der Erzählweise des Jungfilmers Nils Bühler folgen will, der oder die bekommt Hoffnung, dass sich die Menschen in Grönland auch in Zukunft erfolgreich anpassen – was auch immer geschieht.