Wie ein Weg in eine andere Welt: So muss sich «Der schwarze Gang» angefühlt haben. 1981 verwandelte Christian Megert mithilfe von schwarzem Noppen-PVC, Neonröhren und Spiegeln einen 700 Meter langen Flur in einen Raum nicht ganz von dieser Welt. Und nicht für alle Welt. Auch der Berner Künstler selbst war nur ein- oder zweimal in diesem Tunnel.
Gebaut wurde er in den 1970er-Jahren. Die Schweizer Nationalbank hatte im sogenannten «Kaiserhaus» in Bern Büroräume eingerichtet. Das ehemalige Warenhaus lag auf der anderen Seite der Amthausgasse. Zwischen den Gebäuden liess die SNB einen Verbindungstunnel bauen. Diskret und mit Anschluss an unterirdische Tresorräume.
Traum vom unterirdischen Tram
Die Schweizer Nationalbank erhielt die Baubewilligung für ihren Verbindungsgang unter einer Bedingung: Sie sollte auch einen Tunnel für die Stadt Bern ausheben lassen. In Bern träumte man von einer Metro, die bis heute nie gebaut wurde.
«Es gibt entlang der Strasse einen Freihalteraum, einen leeren Tunnel für das Tram. Und darunter oder darüber gibt es einen kleinen Verbindungsgang für Mitarbeitende der SNB», sagt Adrian Hopf-Sulc. Der Redaktor beim «Bund» und der «Berner Zeitung» hat die Tunnel-Geschichte recherchiert.
Ein schwieriges Unterfangen: Die Tunnel sind auf keinem Plan verzeichnet. Im Stadtarchiv fand Hopf-Sulc eine Baubewilligung. Lesen durfte er sie nicht. Top Secret. Einen Vertrag zwischen der Stadt Bern und der SNB konnte er einsehen, allerdings waren viele Abschnitte geschwärzt.
Spiegel, Spiegel an der Wand
Obwohl der Tunnel streng geheim war, lancierte die Schweizer Nationalbank ein Kunst-am-Bau-Projekt. Den Zuschlag erhielt der international bekannte Künstler Christian Megert.
Der aus Bern stammende Künstler ist heute 90 Jahre alt. Seine Idee für den Tunnel der SNB war es, den Gang so anzulegen, dass man von vorne bis hinten alles sieht, auch um die Kurven herum. Diesen Effekt erreichte er mit Spiegeln. Einem Material, das Megert seit den 1960er-Jahren viel verwendete.
700 Personen sollen den Gang täglich durchquert haben, erzählt Christian Megert. Allerdings waren das wohl immer die gleichen Mitarbeitenden der SNB. In den frühen 1980er-Jahren soll es vereinzelt Events für ausgewählte Persönlichkeiten gegeben haben, die den «schwarzen Gang» sehen durften. Einen Tag der offenen Tür oder eine öffentliche Besichtigung hat es aber nie gegeben, sagt Hopf-Sulc.
Heute wieder Warenhaus
Heute existiert der «schwarze Gang» nicht mehr. Ab 2018 liess die SNB das ehemalige Kaiserhaus erneut in ein modernes Warenhaus mit Shops, Restaurants und einem Geld-Museum umbauen.
Vor zwei Jahren wurde Christian Megert von der SNB kontaktiert. Erst wurde er gefragt, ob er einverstanden sei, wenn seine Installation im Zuge der Umbauten verändert würde. Er habe lang nichts mehr gehört, sagt Megert. «Dann hat mir die Nationalbank mitgeteilt, dass sie mir die Installation schenken wolle.»
Christian Megert hätte das Material der Installation einlagern müssen. Darüber kann der Künstler nur lachen.