Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik hat mit «Alle meine Mütter» einen Roman geschrieben, der konventionelle Bilder von Mutterschaft aufbricht. Im Interview erzählt sie, was sie an dem Thema gereizt hat – und kritisiert den enormen Erwartungsdruck, unter dem Mütter stehen.
SRF: Lena Gorelik, Sie haben zwei Söhne. Was hätten Sie gerne gewusst, bevor Sie Mutter wurden?
Lena Gorelik: Ich glaube, mir hat keine Erzählung oder Warnung gefehlt. Ich hätte ohnehin nur wenig damit anfangen können, weil man das, was als Mutter auf einen zukommt, erst nachvollziehen kann, wenn man drinsteckt.
Die Erwartungen an Mütter sind unendlich gross.
Damit meine ich zum Beispiel die unglaublich enge Verbindung, die man zu seinen Kindern hat: Geht es den Kindern schlecht, geht es einem selbst auch nicht gut. Oder den gesellschaftlichen Druck, dem man ausgesetzt ist.
Woran machen Sie diesen Druck fest?
Die Erwartungen an Mütter sind unendlich gross. Jeder hat eine Meinung dazu, was in Erziehungsfragen richtig ist oder falsch. Jeder hat eine Vorstellung davon, was eine gute Mutter ist. Wenn Mütter mit ihren Kindern unterwegs sind, werden sie beobachtet und bewertet. Meine Söhne sind inzwischen im Teenageralter, jetzt hat das nachgelassen. Aber Mütter von kleineren Kindern dürften wissen, wovon ich rede. Soll ich Ihnen ein Beispiel geben?
Gerne!
Einmal war ich mit einem meiner Söhne in der S-Bahn unterwegs. Er war noch klein und sass im Kinderwagen. Er hat die Hände hochgestreckt, weil er wollte, dass ich ihn herausnehme. Ich wusste aber, dass wir gleich aussteigen müssen, deshalb habe ich mich entschieden, ihn im Kinderwagen zu lassen. Dann sagte eine Frau zu mir: «Aber das Kind braucht doch Liebe!» Eine fremde Frau, die weder mich noch mein Kind noch die Situation kannte, unterstellte mir also einfach so, dass ich mein Kind nicht lieben würde.
Ähnliche Szenen beschreiben Sie auch in Ihrem Roman «Alle meine Mütter». Was mir an Ihrem Buch so gefallen hat, ist der wertschätzende Ton gegenüber Ihren Figuren, gegenüber Ihren Müttern.
Ich werde schon auch mal kritisch. Es ist ja nicht so, dass uns Mütter nie auf die Nerven gehen würden. Aber grundsätzlich ging es mir in der Tat darum, das Augenmerk auf das zu richten, was sonst niemand sieht. Deshalb beschreibe ich zum Beispiel auch Mütter, die ihre Kinder im Krieg verloren haben und natürlich trotzdem weiter Mütter sind, oder Mütter mit beeinträchtigten Kindern.
Sobald es ums Thema ‹Mütter› geht, steigt der emotionale Pegel in einem Gespräch.
Ich wollte etwas anderes zeigen als die Klischeebilder der immer strahlenden, immer glücklichen Mutter.
Frau Gorelik, ich möchte Sie bitten, ein paar Sätze zu vervollständigen: Im Hinblick auf Mutterschaft wünsche ich mir von der Gesellschaft, dass …
… man die Mütter in Ruhe lässt.
Mütter sind nie …
… perfekt, und das ist gut so.
Eine gute Mutter ist …
… eine, die es schafft, nicht nur den Kindern, sondern auch sich selbst treu zu bleiben.
Ein guter Vater ist …
… exakt dasselbe.
Reizt es Sie eigentlich, nun auch ein Buch über Väter zu schreiben?
Nein. Am Thema «Mütter» hat mich gereizt, dass es ein Politikum ist. Das Thema «Vaterschaft» ist bei Weitem nicht so aufgeladen und deshalb nicht so interessant. Aber sobald es ums Thema «Mütter» geht, steigt der emotionale Pegel in einem Gespräch. Der Ton wird zärtlicher oder sehnsüchtiger oder wütender. Mir war klar, dass die Ambivalenzen, die die Themen «Mutter» und «Mutterschaft» mit sich bringen, eine riesige literarische Spielwiese sind.
Das Gespräch führte Katja Schönherr.