Der 78-jährige Erfolgsautor Martin Suter bleibt umtriebig: Er hat einen neuen Band mit «Business Class»-Kolumnen veröffentlicht, arbeitet zusammen mit Stefan Eicher an einer Oper – und knotet morgens stets eine Krawatte, bevor er sich an den Schreibtisch setzt.
SRF: Sie sind immer im Anzug. Offenbar werden Sie oft für einen Banker oder Anwalt gehalten. Schmeichelt Ihnen das?
Martin Suter: Nein, aber es stört mich auch nicht. Ich habe schon als Junge gerne Krawatten getragen. Ich hatte kleine Anzüglein mit kurzen Hosen. Das hatte man damals in den 1950ern. Ich habe das immer gern getragen.
Ist jemand ohne Anzug im Umgang mit Ihnen im Nachteil?
Nein. Man darf mir unter die Augen treten, wie immer man will – solange man gewaschen ist.
Sie tragen auch beim Schreiben Anzüge. Würden die Texte anders, wenn Sie sie im Pyjama schreiben würden?
Vermutlich schon. Man sollte Tag und Nacht unterscheiden, vor allem, wenn man frei arbeitet. Ich fühle mich wohl, wenn ich «anständig» angezogen bin.
Ich versuche, gegenüber den Opfern meiner Satire nicht überheblich zu sein.
In Ihren gegen tausend «Business Class»-Kolumnen nehmen Sie das egomanische Gehabe von Businessleuten satirisch aufs Korn. Wie stehen Sie zu Ihren Figuren?
Ich finde Satire billig, wenn sie ihre Adressaten völlig fertig macht. Mit einem kleinen Ecken meines Herzens mag ich meine Figuren. Ich versuche, gegenüber den Opfern meiner Satire nicht überheblich zu sein. Überheblichkeit ist sehr unsympathisch.
Inwiefern eignet sich die «Managerkaste», um grundlegend Menschliches sichtbar zu machen?
Sie eignet sich gut, weil dort Urmenschliches ausgeprägt in Erscheinung tritt. Meine Managerfiguren überspitzen sich selbst. Man muss gar nicht viel erfinden. Man kann einfach schildern, und viele Leute haben den Eindruck, dass sie jemanden kennen, der genau so ist. Wenn dies gelingt, freut mich dies als Schriftsteller.
Wie viel haben Sie selbst von Ihren Figuren?
Ich habe auch die unangenehmen Eigenschaften in mir drin. Wenn ich schreibe, versuche ich, diese für die Zeit des Schreibens in mir gross zu machen, damit ich sehe, wie sich meine Figuren benehmen. Ich glaube, bis jetzt ist es mir stets gelungen, diese Charaktereigenschaften wieder zu reduzieren, wenn das Buch fertig ist.
Neben Ihren Kolumnen, Romanen, Krimis und Drehbüchern schreiben Sie Songtexte für Lieder von Stephan Eicher. Was bedeutet Ihnen diese Zusammenarbeit?
Sehr viel. Stephan ist mein bester Freund. Es ist toll, wenn beste Freunde zusammenarbeiten. Wir haben uns noch.
Offenbar sitzen Sie an einer gemeinsamen Oper?
Ja, sie ist schon ziemlich weit gediehen. Ich habe Opern sehr gern. Stephan ist inzwischen auch ein grosser Fan.
Wie finden Sie bei Ihrer Vielfalt an Formen und Inhalten die jeweilige Sprache?
Ich habe zum Glück früh aufgehört, mich zu fragen, was mein Stil ist. Ich frage mich nicht, ob ich etwas so oder anders schreiben muss. Ich sage mir: Schreib einfach so, wie du Lust hast. Und wenn sich das als Stil entpuppt – umso besser.
Das Bücherschreiben soll keine Therapie sein.
Sie haben eines Ihrer Adoptivkinder verloren. Ihre zweite Frau ist im Alter von nur 72 verstorben. Wie viel Biografisches kommt in Ihre Bücher?
Ich mag Literatur nicht, in welcher der Autor zu präsent ist. Das Bücherschreiben soll keine Therapie sein. Beim Schreiben muss ich über mir schweben und alles wissen und alles dirigieren. Ich vermeide es, direkt in einem Roman vorzukommen. Auch bei der Liebe nicht, die mein wichtigstes Thema ist und meinem Schreiben den Takt angibt.
Was ist der grösste Wunsch, den Sie mit Ihren vielen Büchern verbinden?
Dass ich noch lange solche schreiben kann.
Das Gespräch führte Felix Münger.