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«Jetzt sag doch endlich was» Wer stottert, hat erst recht viel zu sagen

Eine Störung mit Sprengkraft: In «Jetzt sag doch endlich was» erzählt David Hugendick die Geschichte des Stotterns.

Singen hilft manchmal. Genau wie das Synonym-Wörterbuch der Mutter, gefunden in ihrem Kleiderschrank. Zehn Jahre alt ist der Junge aus Bremerhaven, und doch schon bestens beschlagen, Mittel und Wege zu finden, wenn beim Reden nichts geht. Ja, David stottert.

Mann mit kurzem Haar und Bart in schwarzem Hemd vor grauem Hintergrund.
Legende: In seinem Buch «Jetzt sag doch endlich was» denkt David Hugendick über das Stottern und Sprechen nach – und über unsere von Dringlichkeit geprägte Gesellschaft. Annika Nagel Photography

«W-Wörter sind die schlimmsten», hält Hugendick in «Jetzt sag doch endlich was» fest. Die gute Nachricht: Aus dem Stotterer ist trotzdem ein Sprachmensch geworden. Halt einer, der scheibt: Hugendick hat es bis zum Kulturredaktor bei der Wochenzeitung «Die Zeit» gebracht. Er, der auf dem Pausenhof zu hören kriegte: «Du redest so komisch.» Er hatte nur «famos» gesagt, weil ihm vor «berühmt» gerade graute.

Das Anekdotische: ein roter Faden in «Jetzt sag doch endlich was». Wut, Ohnmacht. Den eigenen Namen nicht sagen können, wenn das Telefon klingelt. Nur ein, Verzeihung, «Schscheisse» herausbringen, wenn eine Kollegin wissen will, wie es sich denn anfühle, wenn «es» passiere, vor aller Augen und vor aller Ohren.

Wahrheit und Witz

Therapien, die nichts bringen. Die mitleidigen Blicke, die alles nur noch schlimmer machen. Er hoffe, sein letztes Wort fange nicht mit einem W an, witzelt Hugendick, selten um eine Pointe verlegen. («Ich wollte ein vorlautes Kind sein. Aber war das mit den vielen Vorlauten.»)

Wir wollen uns gleich merken: «Jetzt sag doch endlich was» ist wirklich wahre Leidensgeschichte – aber eben auch auf lässige Weise im Lustig-Launigen gehalten. Hugendick frönt mit Hingabe jenem verquatscht-verquasten Höchstdeutsch, wie es selbst im deutschen Vorzeige-Feuilleton nicht alle draufhaben.

«Wortumgehungen» ist so ein Hugendick-Wort, wenn es ums Reden geht. Vor allem aber ist ihm selten ein Weg zu weit für ein paar Kurven geistreicher Zeitgeist-Karikatur. Wofür zum Beispiel soll der «Welttag des Stotterns» gut sein?

Kulturgeschichte des Stotterns

Hugendick hat aber nicht nur sich selbst im Blick. «Jetzt sag doch endlich was» ist auch eine leicht zu lesende Kulturgeschichte des Stotterns. Als da wären die Herren Moses und Demosthenes – oder die namenlose Nebenfigur aus dem Hollywood-Kriegsfilm «Pearl Harbor», die im dümmsten Moment kein Wort herausbringt, was ein paar Menschen das Leben kostet.

Es geht in diesem Büchlein auf unterhaltsame Weise um die Unter- und Falsch-Repräsentiertheit eines Anders-Seins, das für Hugendick zu den letzten gehört, die in unserer auf Normabweichung versessenen Jetzt-Zeit keine Lobby haben. («Im Fernsehen und Kino sind Stotterer meistens plumpe Idioten.»)

Buchhinweis

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David Hugendick: «Jetzt sag doch endlich was: Über das Stottern». Ullstein, 2026.

Hochwohllöbliche Ausnahme: King George, der bei Hugendick auch seinen Auftritt hat. Hugendick soll den gleichnamigen Oscar-gekrönten Film über den von Colin Firth gespielten berühmten stotternden König besprechen, was er mässig lustig findet. Bloss, weil Hugendick auch stottert?

Stottern, der Systemsprenger

Bleibt die Frage, was der geneigte Mitmensch tun soll, wenn sein Gegenüber kein Wort über die Lippen bringt. «Am liebsten gar nichts», sagt Hugendick. Einfach warten. Vielleicht, schliesst Hugendick, liegt die Schönheit des Stotterns in seiner systemsprengenden Kraft. Wer stottert, braucht Zeit, die wir im Westen alle nicht zu haben meinen.

Wenn jemand stottert, dauert es vielleicht fünf Minuten, bis etwas gesagt ist, das sich auch in zehn Sekunden hätte sagen lassen. Das ist nicht verlorene Zeit. Sondern ein Gewinn – für alle.

 

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 3.2.26, 17:20 Uhr

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