Die künstliche Intelligenz (KI) macht auch vor der Literaturbranche nicht Halt. Die Chancen und Herausforderungen sind gross, ebenso wie die Ängste der verschiedenen Akteure. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen und den aktuellen Stand der Dinge im Frühjahr 2026.
Können Sprach-KIs bald hochwertige literarische Texte produzieren?
Voraussichtlich nicht. Das liegt vor allem an der Funktionsweise dieser generativen KIs: Sie «erlernen» aus abertausenden Texten, was typische Muster sind. Daraus errechnen sie statistisch, welches Wort als nächstes Wort am wahrscheinlichsten ist. KIs sind talentierte Wiederkäuer, aber etwas genuin Neues, Kreatives können sie nicht produzieren. Manche Textsorten, die relativ klaren Mustern folgen (Groschenromane, Krimis, Romance, Ratgeberliteratur) können mit KI einfacher generiert werden als andere.
Mit welchen Fragen sieht sich die Verlagswelt konfrontiert?
Erstens: Wie sollen sie umgehen mit Autorinnen und Autoren, die allfälligen KI-Einsatz nicht transparent machen? Anfang März musste der Grossverlag Hachette den Roman «Shy Girl» aus dem Verkauf nehmen und einstampfen, weil die Vorwürfe aus dem Publikum zu laut wurden, das Buch sei bestimmt KI-generiert. Die Autorin bestreitet die Vorwürfe.
Zweitens geht es ums Urheberrecht: KI-Konzerne haben fürs Training ihrer Programme hunderttausende Bücher aus sogenannten Schattenbibliotheken im Internet benutzt, ohne Lizenzgebühren dafür zu bezahlen. Immer mehr Verlage verbieten deswegen im Impressum ihrer Bücher explizit deren Einsatz fürs KI-Training. Dazu sind diverse Klagen hängig, etwa in den USA oder in Deutschland. Es geht um riesige Summen: Jüngst stimmte KI-Software-Hersteller Anthropic einem aussergerichtlichen Vergleich zu – die Nutzung von rund 500'000 Titeln soll mit insgesamt 1.5 Milliarden US-Dollar abgegolten werden.
Bedeuten diese Prozesse etwas für die Situation in der Schweiz?
Als Wegweiser sicher. Die Rechtslage beim Urheberrecht ist in der Schweiz aber anders als in den USA und in der EU. National- und Ständerat diskutieren voraussichtlich im Herbst einen Gesetzesentwurf zum Urheberrecht im Zusammenhang mit KI.
Was bedeutet die wachsende Popularität von KI für Autorinnen und Autoren?
Sie ist eine Bedrohung: Die Flut von KI-generierten Büchern im wenig regulierten Onlinehandel macht die Auswahl fürs Publikum schwerer, der einzelne Titel bekommt so weniger Aufmerksamkeit. Autorinnen und Autoren setzen sich aber auch kreativ mit KI auseinander.
Dazu kommt: KI setzt die Arbeit von literarischen Übersetzerinnen und Übersetzern stark unter Druck, weil diese Arbeit gern als maschinell und unkreativ missverstanden wird. Entsprechend hoch ist das Risiko, dass Verlage diese Arbeit aus Kostengründen an KIs auslagern. KIs können zwar passabel wortwörtlich übersetzen, aber liefern wenig literarische Qualität, weil in dort vielen Fällen die wahrscheinlichste Übersetzung nicht die beste ist.
Welche Rolle spielt KI in der Literatur fürs Lesepublikum?
Sie wirft die Frage auf, wie wir den Wert von menschengemachter Kunst beurteilen. In den USA gibt es neu das Label «Human Authored», mit dem die Gewerkschaft «Authors Guild» KI-freie Bücher zertifiziert. Auch andere Verbände in ganz Europa diskutieren solche Labels. Das zeigt, dass der frühere Regelfall «Mensch schreibt Buch» nicht mehr gilt: Das Bedürfnis wächst, menschengemachte Bücher als etwas Besonderes zu kennzeichnen.