Zwischen Deutsch und Türkisch, Grindr-Dates und Freundschaften, Kafka und dem Koran: Der Protagonist Zeko aus dem Roman «Hundesohn» lebt eine nicht immer einfache Vielfalt. Er bewegt sich zwischen unterschiedlichen Welten auf der Suche nach der eigenen Identität.
Im Roman springt besonders der allgegenwärtige Bezug zu Kafka ins Auge. Das zeigt etwa ein Blick auf Zekos Bücherstapel: Hier findet sich nebst dem Koran und dem Buch «Power Bottom» über sexuelle Identitäten auch «Das Schloss» von Kafka. Keskinkılıç gibt im Gespräch mit einem Lachen zu, seine eigene Begeisterung für Kafka in den Protagonisten eingeschrieben zu haben.
Dennoch bezeichnet er Kafka nicht als Vorbild, sondern eher als Komplizen: Er teile mit Kafka eine gewisse Besessenheit bezüglich Text und Schreiben – einen Drang, schreiben zu wollen und zu müssen.
Die Intertextualität in «Hundesohn» beschränkt sich nicht auf Kafka. Gerade auch Referenzen zum Koran und zu Spiritualität geben dem Text eine literarische Dichte: Diese ist für Keskinkılıç zwingend, da es für ihn keinen isolierten Text gibt.
Fliessende Übergänge der Sprachen
Literatur und Sprache spielen eine zentrale Rolle im Roman. Sprache kann verbinden und Identität stiften, sie kann zugleich aber auch trennen und diskriminieren. Diese Vielfalt bildet sich im mehrsprachigen Zugang von Keskinkılıç ab.
«Hundesohn» zeigt auf, wie Sprachen in unserer Gesellschaft hierarchisiert und marginalisiert werden: Mit dem Englischen wird Karriere gemacht, das Französische vermittelt Prestige, mit dem Türkischen hingegen verbindet sich eher Randständigkeit.
Die unterschiedlichen Sprachen sollen dabei nicht künstlich nebeneinandergesetzt werden, erklärt Keskinkılıç. «Sprache bedeutet auch Zugang. Zugang zu finden zu einer bestimmten Welt oder auch Teil davon zu sein, aktiv zu sein, handeln zu können.» Die fliessenden Übergänge vom Deutschen ins Türkische, Arabische, Französische oder Englische zeigen gewisse Verbindungslinien zwischen den Sprachen auf.
Sprache als Identität
Durch den Wechsel der Sprache geschieht auch eine Verschiebung der Identität – für den Protagonisten wie auch die Lesenden. Dieser Effekt fasziniert Keskinkılıç besonders.
Im Roman reflektiert Zeko über die Sprachunterschiede zu seinem Freund Hassan: «Auch ich bin nur ganz im Deutschen, wo sonst. Aber nur im Türkischen kennst du mich, Hassan. Du bist ganz du, wenn wir sprechen, aber ich bin nicht halb, nicht viertel, ich bin ein verschüttetes Glas auf dem Tisch und ich wische verschämt hinterher.»
Im Schreiben lässt Keskinkılıç nicht nur die Grenzen zwischen Sprachen verschwimmen. Genauso wie er sich nicht für eine Sprache entscheidet, wählt er auch nicht zwischen Lyrik und Prosa. Das sei für ihn das Schönste im Schreiben.
Es gäbe kein «Entweder-Oder», vielmehr fliesse die Lyrik in seine Prosa wie auch seine Prosa in die Lyrik, beschreibt Keskinkılıç: «Es ist das Schönste für mich im Schreiben. Sich zu lösen von bestimmten Grenzziehungen.» Die Aufhebung von Normen und Grenzen zieht sich durch das gelungene Debüt «Hundesohn» – und dient dabei auch als Erinnerung, eigene Grenzziehungen zu hinterfragen.