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Literatur in Krisenzeiten Autor Dimitré Dinev: «Wenn die Wahrheit stirbt, stirbt die Kunst»

Kaum etwas hat ihn als Schriftsteller mehr geprägt als die Diktatur. Eine Begegnung mit dem österreichisch-bulgarischen Schriftsteller Dimitré Dinev – und ein Gespräch über die Möglichkeiten der Literatur, der Lüge etwas entgegenzusetzen.

Er sei gespalten, sagt Dimitré Dinev zu Beginn unseres Gesprächs in Solothurn auf die Frage, ob die Literatur tatsächlich in der Lage sei, etwas auszurichten, wenn eine Gesellschaft ins Autoritäre kippt. Er glaube eher, dass man in so einer Situation zu langsam sei. Ganz im Gegensatz zu den Demagogen mit ihren Lügen.

In einer Podiumsdiskussion bei den Solothurner Literaturtagen am Tag zuvor ging es um die Frage, was die Literatur in Zeiten neuer autoritärer Ordnungen unternehmen könne. Und es war Dinev, der darauf hinwies, dass das Einzige, was der Schriftsteller dazu zur Verfügung habe, das Wort sei. Das Wort und die Verpflichtung, die Wahrheit zu schreiben. Auch wenn das manchmal unbequem sein könne.

«Wenn die Wahrheit stirbt, stirbt die Kunst»

Dinev weiss, wovon er spricht. Er hat eine lange Geschichte mit Wort und Wahrheit. Er sei in der Diktatur aufgewachsen, erzählt er, im kommunistischen Bulgarien, wo die Wahrheit abgeschafft und die Lüge Gesetz gewesen sei. Schon wegen der marxistischen Ideologie, die das Bewusstsein als Folge des Seins ansieht, und weswegen es also gar nicht sein konnte, dass die Menschen nicht glücklich waren. Im sozialistischen Paradies.

Der Alltag aber sei düster und grau und überhaupt nicht paradiesisch gewesen, doch wer die Wahrheit schrieb, bekam Ärger.

Schwarz-weiss Foto eines Hochhauses mit vielen Balkonen.
Legende: Dimitré Dinev wurde in der bulgarischen Stadt Plowdiw geboren, seine Kindheit verbrachte er in Pasardschik. (Auf dem Bild: ein Gebäude in Bulgarien im Jahr 1970). Getty Images/Keystone-France/Gamma-Keystone

So verschwand die Wahrheit aus der Literatur. «Doch wenn die Wahrheit stirbt, stirbt die Kunst», sagt Dinev und erzählt, wie sich die Lüge auch im Privatleben breitgemacht habe. Denn wenn es im Schreiben keine Wahrheit mehr gibt, gibt es sie auch nicht in der Liebe. Wie will man jemanden lieben, wenn man sich immer verstellen muss?

Die Würde behalten

Dinev flieht in den Westen, allerdings erst 1990, als die Postkommunisten mit Betrug die ersten Wahlen nach der Wende gewannen, und lässt sich in Wien nieder, wo er Theater- und Drehbuchautor, Essayist und Romanschriftsteller wird. Und wo schliesslich auch sein Meisterwerk «Zeit der Mutigen» entsteht, in dem er auf über tausend Seiten die Schrecken der Kriege und Diktaturen im Europa des 20. Jahrhunderts beschreibt. Kein historischer Roman, wie er sagt, sondern ein Roman über die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Die Würde zu behalten, auch in schrecklicher Zeit. Zu lieben, wo Hass ist. Etwas zu sagen, wo alle schweigen. Das Wort als friedliche Waffe des Schriftstellers. Ein tausendseitiges Erzählen.

Buchhinweis

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Dimitré Dinev: «Zeit der Mutigen». Kein & Aber, 2025.

Natürlich ist das nicht neu. Mit Genuss bezieht sich Dinev zum Schluss des Gesprächs auf die berühmte Scheherazade aus «Tausendundeine Nacht», deren Erzählen die Gewalt unterbrochen habe. Und noch so einen Gedanken schiebt er zum Schluss unserer Begegnung nach: Das Geschriebene rette nicht die Welt, sagt er. Aber gäbe es das Schreiben nicht, könne man sich auch nicht seiner Geschichte schämen.

Radio SRF 2 Kultur, Musik für einen Gast, 17.5.2026, 12:38 Uhr

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